Politik : Djerba: Zehn deutsche Opfer nach Attentat

bib/obs

Die Zahl der deutschen Opfer nach der Explosion vor einer Synagoge auf der Ferieninsel Djerba ist am Sonntag auf zehn gestiegen. Eine Frau erlag am Morgen in Berlin ihren Brandverletzungen. Unterdessen mehren sich Hinweise, dass es sich um ein Attentat handelte. Auch die Bundesregierung spricht offiziell von einem Anschlag. "Es ist wohl so, dass man von einem Attentat ausgehen muss", sagte Innenminister Otto Schily (SPD) am Samstagabend in der ARD und im ZDF. Ein Sprecher des Auswärtigen Amtes bekräftigte gegenüber dem Tagesspiegel, dass es "belastbare" Hinweise auf einen Anschlag gebe.

Zu den näheren Ermittlungen wollte Schily keine Angaben machen, "um diese nicht zu beeinträchtigen". Gleichzeitig bat er die Zeugen der Explosion des Gas-Lasters, sich beim Bundeskriminalamt zu melden. Bundeskanzler Gerhard Schröder hat eine lückenlose Aufklärung verlangt. Wenn es ein Anschlag gewesen sein sollte, "werden wir alles in unserer Macht tun", die Verantwortlichen zu ergreifen, sagte er im ZDF. Noch sei dies aber nicht klar.

Nach Aussagen des Sprechers im Auswärtigen Amt haben zu der Einschätzung, dass es sich um ein Attentat handelt, auch "wichtige Erkenntnisse" beigetragen, die der deutsche Botschafter in Tunis am Sonnabend bei einem Gespräch mit Tunesiens Präsident Zineddine Ben Ali in Erfahrung gebracht hat. Der Präsident habe seinerseits den Deutschen eine noch engere Zusammenarbeit zugesagt. Diese Zusage helfe vor allem den beiden Beamten aus der Staatsschutz-Abteilung des Bundeskriminalamts vor Ort. Deren Kooperation mit tunesischen Behörden sei "jetzt sehr gut". Aus solchen Formulierungen wird deutlich, dass es offenbar vor diesem Gespräch aus deutscher Sicht an der Kooperation gemangelt hat. Zugleich unterstrich der Sprecher, dass sich der mutmaßliche Anschlag nach bisherigen Erkenntnissen gegen die Synagoge richtete und nicht gezielt gegen die deutschen Touristen. Urlaubern im Land werde dennoch zu erhöhter Vorsicht geraten. Der Reiseveranstalter TUI sagte Ausflugprogramme zu religiösen Einrichtungen ab.

Nach tunesischen Angaben starben bei dem Anschlag insgesamt 15 Menschen, darunter zehn Deutsche. Mehr als 20 Mitglieder einer deutschen Reisegruppe wurden außerdem zum Teil schwer verletzt. Am Sonntag trafen auch die letzten von ihnen in Deutschland ein. Zehn konnten nur mit einem Sanitätsairbus der Bundeswehr transportiert werden und wurden anschließend in verschiedenen Krankenhäusern mit Spezialstationen für Verbrennungsopfer untergerbracht. Vier dieser Schwerstverletzten wurden ins Berliner Unfallklinikum Marzahn eingeliefert. Am Sonntagfrüh starb dort eine Frau an ihren schweren Verletzungen. Nach Informationen der behandelnden Ärzte schweben auch die anderen drei Patienten nach wie vor in Lebensgefahr. Ihre Haut sei zu mehr als 70 Prozent verbrannt, durch Medikamente würden sie in künstlichen Tiefschlaf versetzt. Zunächst werde versucht, ihren Zustand zu stabilisieren.

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