Politik : Djindjic setzt auf friedlichen Protest

BELGRAD/ANKARA (AP/AFP/Tsp). In Jugoslawien bereitet sich die Opposition auf weitere Demonstrationen gegen das Regime von Präsident Slobodan Milosevic vor. Der serbische Oppositionsführer Zoran Djindjic kündigte nach seiner Rückkehr nach Belgrad für den heutigen Dienstag eine Protestkundgebung in Uzice an, etwa 200 Kilometer südlich der jugoslawischen Hauptstadt.Polizisten, die bei Djindjics Ankunft anwesend waren, ließen den Politiker unbehelligt, obwohl gegen ihn strafrechtliche Ermittlungen wegen Fahnenflucht laufen. Djindjic war zu Beginn des Kosovo-Kriegs nach Montenegro geflohen. Sein Anwalt bezeichnete die Vorwürfe gegen seinen Mandanten als haltlos, da Djindjic nie einen Einberufungsbescheid erhalten habe. Da sich der Vorwurf der Fahnenflucht auf die Zeit des Kriegsrechts bezieht, drohen Djindjic bei einer Verurteilung fünf bis 20 Jahre Haft. Djindjic selbst wies die Anschuldigungen, die auch in den jugoslawischen Medien in den Kriegsmonaten immer wieder erhoben wurden, zurück. Er werde sich persönlich an das Gericht wenden, um seine Haltung klarzustellen, kündigte der Vorsitzende der Demokratischen Partei an, die zur oppositionellen Dachorganisation Allianz für den Wechsel gehört. Sollte er dennoch angeklagt werden, wäre das für den jugoslawischen Präsidenten Slobodan Milosevic politisch gefährlicher als für ihn selbst, sagte Djindjic.Die wichtigste Aufgabe der Opposition sei es, einen Machtwechsel herbeizuführen, dabei aber Unruhe zu vermeiden und eine weitere Destabilisierung des Landes zu verhindern. In einem Interview mit der BBC sagte Djindjic auf die nach einer möglichen Kooperation mit seinem früheren Kampfgefährten Vuk Draskovic, dieser müsse sich entscheiden, ob er auf der Seite Milosevics stehe, in dessen Regierung er zeitweise saß, oder auf der Seite der Opposition.Im Kosovo-Dorf Bela-Crvka nahmen mehrere tausend Menschen an der Beerdigung der 64 Opfer des Massakers teil, bei dem während des Krieges auch mehrere Kinder getötet worden waren. Die Opfer des Massakers vom 25. März wurden von ihren Familien aus dem Hangar von Zrze abgeholt, wo sie nach der Exhumierung von Scotland-Yard-Experten untersucht worden waren. Vor der Beisetzung wurden die in Plastikplanen eingewickelten Leichen aufgebahrt und in die albanische Flagge gehüllt. Bei den Trauerfeierlichkeiten an der Schule des Dorfes trugen Angehörige Fotos der Opfer, Frauen saßen abseits und weinten.Mit Jubel haben die türkischen Medien auf die Stationierung der ersten Soldaten der Türkei im Kosovo reagiert, das bis vor 87 Jahren zum Osmanischen Reich gehörte. "Der türkische Soldat hat seinen Fuß wieder in das Kosovo gesetzt, das er 1912 im Ersten Balkan-Krieg verlor", schrieb die Zeitung "Hürriyet" am Montag. In gewisser Weise habe "Mehmet" - der Spitzname für die türkischen Soldaten - das Kosovo zurückerobert. Die ersten von etwa 1000 türkischen Soldaten der Friedenstruppe KFOR waren am Sonntag abend bei Prizren eingetroffen.Zur Begrüßung versammelten sich dort auch die Nachfahren der türkischen Eroberer. Die Kosovaren schwenkten türkische Fahnen und umarmten die Soldaten. Die osmanischen Truppen besetzten das Kosovo im Jahre 1389. Die entscheidende Schlacht auf dem Amselfeld (Kosovo Polje) verloren die Serben, betrachten das Amselfeld aber gleichwohl als Geburtsstätte ihrer Nation, die sich aus der Niederlage erhob. Die Türkei kontrollierte den Balkan 500 Jahre lang. Zu Beginn dieses Jahrhundert machten nationale Erhebungen in vielen Teilen des Reichs der Herrschaft ein Ende.Obwohl kurz darauf das Osmanische Reich zerbrach und die Türkei zur Republik wurde, sind die Erinnerungen an die ruhmreiche Zeit der Osmanen noch wach. Hinzu kommt, daß seit den Parlamentswahlen im April in der Türkei der Nationalismus wieder auf dem Vormarsch ist. Das verbindet sich zu besonderem Stolz über die Rolle der Türkei bei der Befriedung des Kosovo und läßt die Medien vermuten, daß die Türkei eine wachsende Rolle auf dem Balkan spielen wird, wo die osmanische Herrschaft starke ethnische, kulturelle und religiöse Spuren hinterlassen hat.

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