Politik : Doch keine Lüge

Tschechien räumt erstmals Existenz von Kinderprostitution ein

Paul Kreiner[Wien]

Die Empörung war groß. „Lüge! Das zerstört den Ruf eines ganzen Landes!“ Harsch hatten Polizei und Politik in Tschechien auf die Anschuldigungen des Kinderhilfswerks Unicef reagiert, im Grenzgebiet zu Sachsen und Bayern sei ein „regelrechter Markt für Kinderprostitution“ entstanden. Doch nun, nach der ersten Aufregung, haben sich die Reaktionen gewandelt. Vor kurzem sprach der tschechische Ministerpräsident Vladimir Spidla noch von „unrealistischen“ Anschuldigungen, die Polizei wollte 2002 „keinen einzigen Fall“ von Kinderprostitution in Nordböhmen festgestellt haben. Nun hat Innenminister Stanislav Gross der Regierung am Dienstag einen 250 Seiten starken Bericht über die Roma in Tschechien vorgelegt. Darin räumt er die Existenz der Kinderprostitution ein.

In der Nordwestecke Tschechiens verlangten vor allem deutsche Sextouristen nach immer jüngeren Opfern, heißt es in der Studie, die auch „eindeutige Hinweise auf organisierten Kinderhandel“ feststellte. Demzufolge werden Kinder aller Altersgruppen und sogar Säuglinge missbraucht – vor allem Roma. Die Minderheit gilt in den Augen der Tschechen als besonders problematisch, man will mit ihr nichts zu tun haben. In Cheb (Eger) haben sich in dieser Woche nun Polizei, Innenministerium und die Führer von elf Roma-Gruppen zusammengetan, um die Kinderprostitution zu bekämpfen.

Minderjährige an Pädophile zu verkaufen, sei in seiner Gruppe „undenkbar“, wird Roma-Vertreter Ladislav Bily in der Tageszeitung „Mlada Fronta Dnes“ zitiert: „Wenn solche seltenen Fälle auftreten, dann als Folge einer schlechten Sozialpolitik des Staates den Roma gegenüber.“

Mindestens genauso durchsichtig ist die Äußerung der städtischen Roma-Koordinatorin in Cheb, Jaroslava Rymesova: „Für die meisten Roma sind Kinder heilig und unantastbar. Bei Mädchen über 13 Jahren aber ist das anders. Traditionsgemäß betrachten Roma sie nicht mehr als Kinder.“ Ladislav Bily aber hat noch etwas hinzugefügt. Seit dem Bericht und der Diskussion in den Medien darüber seien tatsächlich Ausländer in den Roma- Siedlungen aufgetaucht, mit eindeutigen Absichten. Bily hat damit bekräftigt, was man in Tschechien immer schon sagt: Wo keine Nachfrage, da kein Angebot. Damit liegt das Problem also wieder auf deutscher Seite.

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