Documenta : An der Kunst kauen

Die Documenta findet in diesem Jahr in zwei Akten statt. Nach dem Start in Athen beginnt jetzt die Ausstellung am traditionellen Standort in Kassel. Ein Kommentar.

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Documenta-Kurator Adam Szymczyk hat die Großausstellung zwischen Athen und Kassel aufgeteilt.
Documenta-Kurator Adam Szymczyk hat die Großausstellung zwischen Athen und Kassel aufgeteilt.Foto: John MacDougall, AFP

Alle zehn Jahre passiert es wieder, da fallen die wichtigsten drei Ausstellungen zusammen in einen Sommer: die Documenta, die Biennale in Venedig und die Skulptur Projekte in Münster, mit der die Kunst im öffentlichen Raum verortet wird. Es ist eine Zeit der Zwischenbilanz für die zeitgenössische Kunst. Die Biennale di Venezia, Ur-Mutter aller internationalen Großausstellungen, gibt den Takt vor: Hier treten die Nationen mit ihren Pavillons in den Giardini gegeneinander an. Nicht so verbissen wie vor über 100 Jahren, aber es geht noch immer um die beste Selbstdarstellung mit den Mitteln der Kunst. Der deutsche Pavillon trug diesmal den Sieg davon für ein Mixtum aus Skulptur und Performance, womit die Auflösung der Genregrenzen ihre letzten Weihen erfährt. In den Museen, den Theatern lässt sich das Phänomen längst beobachten, die Gattungen durchmischen sich. Traditionalisten mögen schaudern, nun gibt es auch einen Goldenen Löwen dafür.

Zwei Sichtweisen auf die Kunst

In der Biennale-Hauptausstellung feiert derweil die französische Kuratorin Christine Macel unter dem Motto „Viva Arte Viva!“ die Lebendigkeit der Kunst, die Freude daran, das reine Schaffen. Diese Befreiung von aller Instrumentalisierung ist durchaus als Gegenstimme zur Documenta zu verstehen, die sich dezidiert politisch versteht. Damit treten in diesem Sommer zwei Sichtweisen nicht nur der Kunst, sondern auch auf die Kunst gegeneinander an. Der heitere Hedonismus, wie er nach Venedig passt, und das Grüblerische, Düstere einer Documenta. Gute Laune, schlechte Laune?

Der polnische Documenta-Kurator Adam Szymczyk hat erwartbar mit Bitternis auf die Weltlage reagiert. Angesichts der globalen Krise, des voranschreitenden Neoliberalismus und des bröselnden Sozialstaats hat er den Glauben zwar nicht an die Kunst, aber an die Aussagekraft der Documenta verloren und ihr deshalb eine Rosskur verschrieben, ebenso den Besuchern. Um dorthin zu gehen, wo es am meisten schmerzt, wo Europa, die Idee einer Völkergemeinschaft und besseren Welt, leidet, teilte Szymczyk die Documenta zwischen ihrem Stammsitz Kassel und der griechischen Hauptstadt auf. „Von Athen lernen“ lautet sein Titel, der ihm als zynisch verübelt wurde. Lernen von den Pleitiers?

Die Kunst rettet sein Konzept nicht, lieblos wie sie in Athen auf die Ausstellungsorte in der Stadt verteilt ist. Die Besucher finden sich kaum zurecht, Informationen zu den Werken gibt es nur spärlich. Die Überforderung durch das Doppelspiel ist dem Projekt anzusehen. Nun aber kommt der Inszenierung zweiter Akt, dann mag es besser gehen. Die geladenen 160 Künstler haben alle eine zweite Chance bekommen mit einem weiteren Werk. Am Samstag eröffnet die Documenta endlich auch in Kassel, das unwillig den Athenern Anfang April den Vortritt gelassen hat.

Die Exklusivität ging verloren

Die Exklusivität, 100 Tage lang Welthauptstadt der Kunst zu sein, ging der hessischen Stadt damit verloren. Schon lange taugt sie nicht mehr als Schmiede für Künstlerkarrieren. Dafür gibt es mittlerweile zu viele Großausstellungen, die Biennalen von Istanbul und Lyon folgen hinterdrein. Sie sind ein Geschäft geworden, mit dem der Städtetourismus angekurbelt wird. Kunst ist ein Marketingprodukt, auch wenn die Ausstellungsmacher das gar nicht gerne hören.

Im globalen Wettbewerb aber will, ja muss die Documenta am schärfsten, gescheitesten sein. Dieser eigene Anspruch beschert ihr jedes Mal wenn nicht ein Scheitern, so doch Enttäuschungen. Dagegen gibt sich die Konkurrenz in Venedig offensiv sonnig. Nahtlos fügt sich die Biennale ins touristische Vergnügen an der Lagune ein. Dadurch leidet sie unter einer Unverbindlichkeit, einer Lässigkeit, von der man der Documenta etwas wünschen würde. Selten standen zwei Konzepte so konträr gegeneinander wie in diesem Sommer. Die Documenta ist das Schwarzbrot, die Biennale die Torte. In Kassel gibt die Kunst zu kauen und macht am Ende – hoffentlich – satt.

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