Dokumentation : Obamas Rede in Oslo

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Majestäten, königliche Hoheiten, verehrte Mitglieder des norwegischen Nobelpreiskomitees, Bürger der Vereinigten Staaten, Bürger der Welt,

ich nehme diese Ehre in tiefer Dankbarkeit und großer Demut entgegen. Diese Auszeichnung bezeugt unsere höchsten Ansprüche – dass wir angesichts all der Grausamkeit und des Elends auf der Welt nicht einfach in unserem Schicksal gefangen sind. Unser Handeln spielt eine Rolle und kann die Geschichte zugunsten der Gerechtigkeit beeinflussen.

Und dennoch wäre es nachlässig, wenn ich nicht auf die erheblichen Kontroversen eingehen würde, die Ihre großzügige Entscheidung zur Folge hatte. Teilweise liegt das daran, dass ich am Anfang, und nicht am Ende meiner Bemühungen auf der Weltbühne stehe. Verglichen mit einigen Größen der Geschichte, die mit diesem Preis ausgezeichnet wurden - Schweitzer und King, Marshall und Mandela - sind meine Leistungen gering. Und dann gibt es die Frauen und Männer auf der Welt, die ins Gefängnis geworfen und geschlagen werden, weil sie sich für die Gerechtigkeit einsetzen, sich in humanitären Organisationen abmühen, um das Leid zu lindern, die verkannten Millionen, deren stille Taten von Mut und Mitgefühl zeugen und sogar die abgebrühtesten Zyniker berühren. Ich kann jenen nicht widersprechen, die der Meinung sind, dass diese Frauen und Männer – einige von Ihnen bekannt, andere von ihnen nur sichtbar für die Menschen, denen sie helfen – diese Ehre weit mehr verdienen als ich.

Aber vielleicht ist das größte Problem an meiner Auszeichnung mit diesem Preis die Tatsache, dass ich der Oberbefehlshaber der Streitkräfte eines Landes bin, das sich inmitten zweier Kriege befindet. Einer dieser Kriege geht langsam zu Ende. Bei dem anderen handelt es sich um einen Konflikt, den die Vereinigten Staaten nicht gesucht haben; einen Konflikt, in dem 42 Länder an unserer Seite stehen - darunter auch Norwegen - um uns und alle anderen Länder vor weiteren Anschlägen zu verteidigen.

Dennoch befinden wir uns im Krieg, und ich bin für die Entsendung Tausender junger Amerikaner verantwortlich, die in einem weit entfernten Land kämpfen müssen. Einige von ihnen werden töten, und einige von ihnen werden getötet werden. Daher bin ich heute mit einem unmittelbaren Gefühl dafür hier, was uns bewaffnete Konflikte kosten – angesichts all der schwierigen Fragen über das Verhältnis zwischen Krieg und Frieden und unsere Bestrebungen, das eine mit dem anderen zu ersetzen.

Nun sind diese Fragen nicht neu. Krieg trat in der einen oder anderen Form mit dem ersten Menschen in Erscheinung. Zu Anbeginn der Geschichte fragte sich niemand, ob Krieg moralisch vertretbar sei; er war einfach eine Gegebenheit wir Dürren oder Krankheiten – das Mittel, mit dem Stämme und später Kulturen nach Macht strebten und ihre Differenzen beilegten.

Und im Laufe der Zeit versuchte man mit Gesetzen, die Gewalt innerhalb von Gruppen zu kontrollieren. Ebenso versuchten Philosophen, Geistliche und Staatsmänner, die zerstörerische Kraft des Krieges einzuschränken. Das Konzept eines "gerechten Krieges" trat in Erscheinung; es legte nahe, dass ein Krieg nur gerechtfertigt ist, wenn er bestimmte Bedingungen erfüllt: wenn er als letztes Mittel oder zur Selbstverteidigung geführt wird, wenn die Verwendung von Gewalt verhältnismäßig ist und wenn, wo möglich, Zivilisten von der Gewalt ausgenommen sind.

Natürlich wissen wir, dass man sich während eines Großteils der Geschichte selten an dieses Konzept eines "gerechten Krieges" hielt. Das Vermögen des Menschen, neue Wege zu ersinnen, andere Menschen zu töten, erwies sich als unerschöpflich, ebenso wie unsere Fähigkeit, diejenigen von unserem Mitleid auszunehmen, die anders aussahen oder zu einem anderen Gott beteten als wir. Kriege zwischen Armeen wurden verdrängt von Kriegen zwischen Nationen – totale Kriege, bei denen die Grenze zwischen Kombattanten und Zivilisten verschwamm. In nur 30 Jahren überschwemmte ein solches Blutbad diesen Kontinent zweimal. Und obwohl es schwer ist, sich eine gerechtere Sache als den Sieg über das Dritte Reich und die Achsenmächte vorzustellen, war der Zweite Weltkrieg ein Konflikt, in dem die Gesamtzahl der getöteten Zivilisten die Zahl der gefallenen Soldaten überstieg.

Angesichts derartiger Zerstörung und mit Anbruch des Atomzeitalters wurde es Siegern und Besiegten gleichermaßen klar, dass die Welt Institutionen benötigte, die einen weiteren Weltkrieg verhindern würden. Ein Vierteljahrhundert nachdem der US-Senat den Völkerbund abgelehnt hatte, eine Idee, für die Woodrow Wilson diese Auszeichnung erhielt – führten die Vereinigten Staaten die Welt beim Aufbau eine Architektur an, die Frieden gewährleisten sollte: der Marshallplan und die Vereinten Nationen, Kontrollmechanismen für die Kriegsführung, Verträge zum Schutz der Menschenrechte, zur Verhinderung von Völkermord und zur Einschränkung der gefährlichsten Waffen.

In vielerlei Hinsicht waren diese Bestrebungen erfolgreich. Ja, schreckliche Kriege wurden geführt und Gräueltaten wurden verübt. Aber es gab keinen Dritten Weltkrieg. Der Kalte Krieg endete mit jubelnden Menschenmassen, die eine Mauer einrissen. Der Handel hat einen Großteil der Welt zusammengeführt. Milliarden von Menschen sind aus der Armut befreit worden. Die Ideale der Freiheit, Selbstbestimmung, Gleichheit und Rechtsstaatlichkeit wurden stockend vorangebracht. Wir sind die Erben der Stärke und des Weitblicks vergangener Generationen, und auf dieses Vermächtnis ist mein Land zu Recht stolz.

Und doch gibt diese alte Architektur zehn Jahre nach Anbruch des neuen Jahrhunderts unter der Last neuer Bedrohungen nach. Die Welt erzittert vielleicht nicht mehr beim Gedanken an einen Krieg zwischen zwei Atommächten, aber die Weiterverbreitung von Atomwaffen erhöht möglicherweise das Risiko einer Katastrophe. Terrorismus ist schon lange eine Taktik, aber moderne Technologien ermöglichen es einer kleinen Anzahl kleiner Menschen mit einem Übermaß an Wut, in schrecklichem Ausmaß Unschuldige zu töten.

Zudem sind Kriege zwischen Ländern zunehmend von Kriegen innerhalb von Ländern verdrängt worden. Das Wiederauftreten ethnischer oder konfessionell motivierter Konflikte, die Zunahme sezessionistischer Bewegungen, Aufstände und gescheiterte Staaten - all diese Dinge haben immer mehr Zivilisten in unendlichem Chaos eingeschlossen. In den heutigen Kriegen werden mehr Zivilisten getötet als Soldaten, die Saat für zukünftige Konflikte wird gelegt, Volkswirtschaften werden ruiniert, Zivilgesellschaften entzwei gerissen, die Zahl von Flüchtlingen nimmt sprunghaft zu und Kinder werden verletzt.

Ich kann Ihnen heute keine endgültige Lösung für die Probleme des Krieges vorlegen. Aber ich weiß, dass wir denselben Weitblick, dieselbe harte Arbeit und dieselbe Ausdauer benötigen wie die Frauen und Männer, die vor Jahrzehnten so mutig gehandelt haben, wenn wir diese Herausforderungen bewältigen wollen. Und wir werden völlig neu über die Konzepte eines gerechten Krieges und die Gebote eines gerechten Friedens nachdenken müssen.

Wir müssen damit beginnen, die schwere Wahrheit anzunehmen: Gewaltsame Konflikte werden wir zu unseren Lebzeiten nicht abschaffen können. Es wird Zeiten geben, in denen Nationen - die allein oder gemeinsam handeln - den Einsatz von Gewalt nicht nur als notwendig, sondern als moralisch gerechtfertigt betrachten werden.

Dabei bin ich mir dessen bewusst, was Martin Luther King vor Jahren während derselben Zeremonie sagte: "Gewalt führt nicht zu dauerhaftem Frieden. Sie löst kein soziales Problem, sie erzeugt nur neue und kompliziertere." Als jemand, der als unmittelbare Konsequenz des Lebenswerks von Dr. King hier steht, bin ich der lebendige Beweis für die moralische Kraft von Gewaltlosigkeit. Ich weiß, dass die Überzeugung und das Leben von Gandhi und King nichts Schwaches, nichts Passives und nichts Naives hatten.

Aber als Staatschef, der kraft seines Amtseides verpflichtet ist, sein Land zu schützen und zu verteidigen, kann ich mich nicht nur von ihrem Beispiel leiten lassen. Ich stehe der Welt gegenüber, wie sie ist, und ich kann angesichts der für die amerikanischen Bürger bestehenden Bedrohungen nicht untätig sein. Denn täuschen Sie sich nicht: Das Böse existiert auf der Welt. Eine gewaltlose Bewegung hätte Hitlers Armeen nicht aufhalten können. Verhandlungen können die Anführer der Al Kaida nicht überzeugen, ihre Waffen niederzulegen. Es ist kein Aufruf zum Zynismus, wenn man sagt, dass Gewalt manchmal notwendig sein kann – es ist eine Anerkennung der Geschichte, der Unvollkommenheit des Menschen und der Grenzen der Vernunft.

Ich sage das und fange mit diesem Punkt an, weil es heute in vielen Ländern eine tiefgehende Ambivalenz bezüglich Militäraktionen gibt, unabhängig von der Ursache. Und gelegentlich kommt dazu ein reflexartiges Misstrauen gegenüber den Vereinigten Staaten, der einzigen militärischen Supermacht auf der Welt.

Aber die Welt muss sich in Erinnerung rufen, dass es nicht nur internationale Institutionen – nicht nur Verträge und Erklärungen – waren, die in der Welt nach dem Zweiten Weltkrieg für Stabilität sorgten. Welche Fehler wir auch gemacht haben, eine einfache Tatsache lässt sich nicht leugnen: Die Vereinigten Staaten von Amerika haben dazu beigetragen, die globale Sicherheit seit mehr als sechzig Jahren mit dem Blut unserer Bürger und der Stärke unserer Waffen zu gewährleisten. Der Dienst und die Opfer unserer Frauen und Männer in Uniform haben von Deutschland bis Korea Frieden und Wohlstand gefördert und ermöglicht, dass Demokratie an Orten wie dem Balkan Wurzeln schlägt. Wir tragen diese Last nicht, weil wir anderen unseren Willen aufzwingen wollen. Wir tun es aus aufgeklärtem Selbstinteresse – weil wir eine bessere Zukunft für unsere Kinder und Enkelkinder wollen und glauben, dass ihr Leben besser sein wird, wenn die Kinder und Enkelkinder anderer Menschen auch in Freiheit und Wohlstand leben können.

Also ja, die Instrumente des Krieges müssen bei der Sicherung des Friedens eine Rolle spielen. Und dennoch muss diese Wahrheit mit einer anderen Wahrheit einhergehen – dass unabhängig davon, wie gerechtfertigt er auch ist, Krieg unweigerlich zu menschlichen Tragödien führt. Der Mut und die Opfer von Soldaten sind ruhmreich, sie verleihen ihrer Hingabe für ihr Land Ausdruck, für die Sache und ihre Waffenbrüder. Aber der Krieg selbst ist niemals ruhmreich, und wir dürfen ihn auch nie als ruhmreich darstellen.

Also besteht ein Teil der Herausforderung darin, dass wir diese beiden unvereinbaren Wahrheiten miteinander in Einklang bringen - dass Krieg manchmal nötig ist und auf einer gewissen Ebene Ausdruck menschlicher Torheit. Konkret betrachtet müssen wir unsere Bemühungen auf etwas konzentrieren, das Präsident Kennedy vor langer Zeit gefordert hat. “Wir sollten uns stattdessen auf einen praktischeren, erreichbareren Frieden konzentrieren, der nicht auf einer plötzlichen Revolution der menschlichen Natur, sondern auf einer allmählichen Evolution der menschlichen Institutionen basiert.” Eine allmähliche Evolution der menschlichen Institutionen.

Wie könnte diese Evolution aussehen? Was könnten diese praktischen Schritte sein?

Zunächst einmal glaube ich, dass sich alle Nationen – die starken wie die schwachen – an Normen halten müssen, die den Einsatz von Gewalt regeln. Ich behalte mir – wie jeder Staatschef – das Recht vor, unilateral zu handeln, wenn nötig, um mein Land zu verteidigen. Dennoch bin ich überzeugt, dass diejenigen gestärkt werden, die sich an die Normen halten, und diejenigen isoliert und geschwächt, die das nicht tun.

Die Welt stellte sich nach den Anschlägen vom 11. September auf die Seite der Vereinigten Staaten und unterstützt aufgrund der Entsetzlichkeit dieser sinnlosen Anschläge und des anerkannten Prinzips der Selbstverteidigung weiterhin unsere Bestrebungen in Afghanistan. Genauso erkannte die Welt die Notwendigkeit, Saddam Hussein aufzuhalten, als er in Kuwait einmarschierte – ein Konsens, der eine klare Botschaft an alle Welt aussandte, welchen Preis man für Aggression zahlt.

Ferner können die Vereinigten Staaten nicht darauf bestehen – wie es auch kein anderes Land kann –, dass sich andere an die Regeln halten, wenn wir selbst das nicht tun. Denn wenn wir es nicht tun, erscheint unser Handeln willkürlich und die Legitimität zukünftiger Interventionen wird untergraben – und seien sie auch noch so gerechtfertigt.

Dies ist besonders wichtig, wenn der Zweck von Militäraktionen über Selbstverteidigung oder die Verteidigung eines Landes gegen einen Aggressor hinausgeht. Wir sehen uns alle immer mehr mit schwierigen Fragen darüber konfrontiert, wie man den Mord an Zivilisten durch deren eigene Regierung verhindern oder einen Bürgerkrieg beenden kann, dessen Gewalt und Leid eine ganze Region verschlingt.

Ich bin der Meinung, dass Gewalt aus humanitären Gründen gerechtfertigt sein kann, wie das auf dem Balkan oder an anderen Orten der Fall war, die vom Krieg Narben davongetragen haben. Untätigkeit zerrt an unserm Gewissen und kann dazu führen, dass wir für eine spätere Intervention einen noch höheren Preis zahlen müssen. Daher müssen alle verantwortungsvollen Länder die Rolle annehmen, die Militärs mit einem eindeutigen Mandat bei der Friedenssicherung spielen können.

Die Vereinigten Staaten werden in ihrem Bekenntnis zur globalen Sicherheit niemals wanken. Aber in einer Welt, in der die Bedrohungen diffuser und die Einsätze komplexer sind, können die Vereinigten Staaten nicht allein handeln. Die Vereinigten Staaten können allein nicht den Frieden sichern. Das ist in Afghanistan der Fall. Das ist in gescheiterten Staaten wie Somalia der Fall, wo zu Terrorismus und Piraterie noch Hungersnöte und menschliches Leid hinzukommen. Und traurigerweise wird es auch weiterhin noch jahrelang in instabilen Regionen der Fall sein.

Die Politiker und Soldaten der NATO-Länder – und andere Freunde und Verbündete – belegen diese Wahrheit durch die Fähigkeiten und den Mut, den sie in Afghanistan gezeigt haben. Aber in vielen Ländern gibt es eine Trennung zwischen den Bestrebungen der Menschen, die ihren Dienst tun, und der in der Öffentlichkeit herrschenden Ambivalenz. Ich weiß, warum Krieg nicht populär ist, aber ich weiß auch Folgendes: Die Überzeugung, dass Frieden wünschenswert ist, ist selten genug, um ihn zu erreichen. Frieden erfordert Verantwortung. Frieden bringt Opfer mit sich. Aus diesem Grund ist die NATO weiterhin unabkömmlich. Aus diesem Grund müssen wir die Vereinten Nationen und die regionale Friedenserhaltung stärken, und die Arbeit nicht einigen wenigen Ländern überlassen. Aus diesem Grund ehren wir diejenigen, die von Friedens- und Ausbildungsmissionen im Ausland nach Oslo und Rom, Ottawa und Sydney, Dhaka und Kigali zurückkehren – wir ehren sie nicht als Kriegführende, sondern als Menschen, die den Frieden ermöglichen.

Ich möchte eine letzte Bemerkung zur Anwendung von Gewalt machen. Während wir die schwierigen Entscheidungen treffen, ob wir in den Krieg ziehen, müssen wir uns auch klar überlegen, wie wir in diesem Krieg kämpfen wollen. Das Nobelpreiskomitee hat diese Wahrheit anerkannt, als es den ersten Friedensnobelpreis an Henry Dunant vergab - den Gründer des Roten Kreuzes und eine treibende Kraft hinter den Genfer Konventionen.

Wo Gewalt nötig ist, haben wir ein moralisches und strategisches Interesse, uns zu bestimmten Verhaltensregeln zu verpflichten. Und selbst wenn wir uns einem bösartigen Feind stellen, der sich an keine Regeln hält, bin ich der Meinung, dass die Vereinigten Staaten von Amerika in Kriegen weiterhin Standartenträger sein müssen. Das unterscheidet uns von denen, gegen die wir kämpfen. Das ist eine Quelle unserer Stärke. Aus diesem Grund habe ich Folter verboten. Aus diesem Grund habe ich die Schließung des Gefängnisses in Guantanamo Bay angeordnet. Und aus diesem Grund habe ich das Bekenntnis der Vereinigten Staaten zu den Genfer Konventionen bekräftigt. Wir verlieren uns selbst, wenn wir die Ideale kompromittieren, die wir verteidigen. Wir ehren diese Ideale, indem wir sie aufrechterhalten – nicht nur in einfachen, sondern auch in schwierigen Zeiten.

Ich bin lange auf die Frage eingegangen, die wir uns in unseren Köpfen und Herzen stellen müssen, bevor wir uns entscheiden, Krieg zu führen. Aber jetzt möchte ich mich mit unserem Bemühen befassen, solche schwierigen Entscheidungen zu vermeiden, und über drei Möglichkeiten sprechen, die wir haben, um einen gerechten und dauerhaften Frieden aufzubauen.

Erstens müssen wir im Umgang mit den Ländern, die Regeln und Gesetze brechen, Alternativen für den Einsatz von Gewalt entwickeln, die wirkungsvoll genug sind, dass wir ihr Verhalten wirklich verändern können – denn wenn wir einen dauerhaften Frieden wollen, müssen die Worte der internationalen Staatengemeinschaft auch etwas bedeuten. Die Regimes, die die Regeln brechen, müssen zur Rechenschaft gezogen werden. Sanktionen müssen einen Preis abverlangen. Unnachgiebigkeit muss auf erhöhten Druck treffen – und so ein Druck ist nur möglich, wenn die Welt geschlossen zusammensteht.

Ein dringendes Beispiel sind die Bestrebungen, die Verbreitung von Atomwaffen zu verhindern und eine Welt ohne diese Waffen anzustreben. Mitte des vergangenen Jahrhunderts einigten sich die Länder auf einen Vertrag, der eine eindeutige Vereinbarung enthält: Alle haben Zugang zu friedlicher Atomenergie. Die Länder ohne Atomwaffen verzichten auf sie, und die Länder mit Atomwaffen rüsten ab. Ich bin entschlossen, diesen Vertrag aufrechtzuerhalten. Er ist ein Kernstück meiner Außenpolitik. Und ich arbeite mit Präsident Medwedew zusammen, um die amerikanischen und russischen Atomwaffenarsenale zu verringern.

Aber es ist auch unser aller Aufgabe, darauf zu bestehen, dass Länder wie Iran und Nordkorea das System nicht ausnutzen. Diejenigen, die behaupten, sich an das Völkerrecht zu halten, können nicht ihren Blick abwenden, wenn Gesetze gebrochen werden. Diejenigen, die sich Sorgen um ihre eigene Sicherheit machen, können nicht die Gefahr eines Wettrüstens im Nahen Osten oder in Ostasien ignorieren. Diejenigen, die Frieden wollen, können nicht untätig zusehen, wie Länder sich für einen Atomkrieg rüsten.

Dasselbe gilt für die Menschen, die gegen das Völkerrecht verstoßen, indem sie ihre Bürger misshandeln. Wenn in Darfur Völkermord begangen wird, im Kongo systematische Vergewaltigungen stattfinden, in Birma Unterdrückung herrscht – dann muss das Konsequenzen haben. Ja, es wird Engagement geben, ja, es wird Diplomatie geben – aber es muss Konsequenzen geben, wenn dieses Vorgehen scheitert. Und je enger wir zusammenarbeiten, desto unwahrscheinlicher ist es, dass wir uns zwischen bewaffneter Intervention und Komplizenschaft bei Unterdrückung entscheiden müssen.

Das bringt mich zu einem zweiten Gedanken – die Art des Friedens, für den wir einstehen. Denn Frieden ist nicht nur die Abwesenheit sichtbarer Konflikte. Nur ein gerechter Frieden, der auf den inhärenten Rechten und der Würde jedes Menschen basiert, kann wirklich von Dauer sein.

Diese Einsicht trieb die Verfasser der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte nach dem Zweiten Weltkrieg an. Nach der Zerstörung erkannten sie, dass Frieden ein hohler Kompromiss ist, wenn die Menschenrechte nicht geschützt werden.

Und doch werden diese Worte allzu oft ignoriert. Bei einigen Ländern wird ihre Unfähigkeit, die Menschenrechte zu gewährleisten, damit entschuldigt, dass es sich dabei um westliche Prinzipien handele, die lokalen Kulturen oder Phasen in der Entwicklung eines Landes fremd seien – doch diese Entschuldigung ist falsch. Innerhalb der Vereinigten Staaten gibt es seit langem ein gespanntes Verhältnis zwischen denen, die sich Realisten und denen, die sich Idealisten nennen – wobei davon ausgegangen wird, dass es eine starre Entscheidung zwischen den eng gefassten Interessen gibt, die man verteidigt, und einem endlosen Feldzug, mit dem wir der Welt unsere Werte aufzwingen.

Diese Entscheidung lehne ich ab. Ich bin der Meinung, dass der Frieden dort instabil ist, wo den Bürgern das Recht verwehrt wird, ihre Meinung frei zu äußern oder ihre Religion frei auszuüben, ihre Politiker frei zu wählen und sich frei von Angst versammeln zu können. Angestaute Unzufriedenheiten gären, und die Unterdrückung ethnischer und religiöser Identität kann in Gewalt umschlagen. Wir wissen auch, dass das Gegenteil wahr ist. In Europa gab es erst Frieden, als es frei war. Die Vereinigten Staaten haben noch nie Krieg gegen eine Demokratie geführt, und unsere engsten Freunde sind Regierungen, die die Rechte ihrer Bürger schützen. Unabhängig davon, wie gefühllos man sie definiert - weder den Interessen der Vereinigten Staaten noch den Interessen der Welt ist gedient, wenn menschliche Wünsche verwehrt werden.

Auch wenn wir die einzigartigen Kulturen und Traditionen der verschiedenen Länder achten, werden die Vereinigten Staaten immer für diese universellen Wünsche ihre Stimme erheben. Wir werden die stille Würde von Reformern wie Aung Sang Suu Kyi, den Mut von Simbabwern, die wählen gingen und damit der Androhung von Schlägen trotzten, und die stillen Märsche Tausender Menschen in den Straßen Irans bezeugen. Es ist kennzeichnend, dass die Regierungschefs dieser Länder mehr Angst vor den Wünschen ihrer eigenen Bürger haben als vor der Macht eines anderen Landes. Und es ist die Verantwortung aller freien Menschen und Länder, sich klar dazu zu bekennen, dass wir hinter diesen Bewegungen stehen - den Bewegungen der Hoffnung in der Geschichte.

Ich möchte auch Folgendes sagen: Bei der Förderung der Menschenrechte kann es nicht nur um Ermahnungen gehen. Manchmal muss sie an mühsame Diplomatie geknüpft sein. Ich weiß, dass der Dialog mit unterdrückerischen Regimes nicht dasselbe befriedigende, reinigende Gefühl vermittelt wie Empörung. Aber ich weiß auch, dass Sanktionen ohne Gespräche - Verdammung ohne Diskussionen - nur einen lähmenden Status quo zur Folge haben. Kein unterdrückerisches Regime kann einen neuen Kurs einschlagen, wenn ihm nicht eine Tür offen steht.

Angesichts der Schrecken der Kulturrevolution erschien Nixons Treffen mit Mao unentschuldbar - und doch trug es sicherlich dazu bei, China auf einen Kurs zu bringen, der dazu führte, dass Millionen von Bürgern aus der Armut befreit wurden und mit offenen Gesellschaften in Verbindung traten. Die Verbundenheit von Papst Johannes Paul mit Polen schuf nicht nur Raum für die katholische Kirche, sondern auch für Gewerkschaftsführer wie Lech Walesa. Ronald Reagans Bemühungen bei der Waffenkontrolle und seine Befürwortung der Perestroika verbesserten nicht nur die Beziehungen zur Sowjetunion, sondern stärkten auch Dissidenten überall in Osteuropa. Es gibt dabei keine einfache Formel. Aber wir müssen so gut wie möglich versuchen, Isolation und Engagement, Druck und Anreize auszubalancieren, so dass es mit der Zeit Fortschritte für die Menschenrechte und die Menschenwürde gibt.

Drittens umfasst ein gerechter Frieden nicht nur Bürgerrechte und politische Rechte - er muss auch wirtschaftliche Sicherheit und Chancen einschließen. Denn wahrer Frieden ist nicht nur Freiheit von Angst, sondern auch Freiheit von Not.

Es ist zweifelsfrei wahr, dass Entwicklung selten ohne Sicherheit vonstatten geht; es ist auch wahr, dass es keine Sicherheit an Orten gibt, an denen die Menschen keinen Zugang zu ausreichend Nahrung, sauberem Wasser oder zu den Medikamenten und der Unterkunft haben, die sie zum Überlegen brauchen. Es gibt keine Sicherheit an Orten, wo Kinder nicht auf eine anständige Bildung oder eine Arbeit hoffen können, mit der man eine Familie ernähren kann. Die Abwesenheit von Hoffnung kann eine Gesellschaft von innen verwesen lassen.

Und deshalb ist es nicht nur Wohltätigkeit, wenn man Landwirten hilft, ihre Mitbürger mit Nahrung zu versorgen - oder Ländern, ihre Kinder auszubilden und ihre Kranken zu versorgen. Aus diesem Grund muss die Welt zusammen gegen den Klimawandel vorgehen. Es gibt wenig wissenschaftliche Zweifel daran, dass wir, wenn wir nichts tun, mehr Dürren, mehr Hunger, mehr Massenvertreibungen sehen werden – alles Entwicklungen, die noch jahrzehntelang weitere Konflikte verursachen werden. Aus diesem Grund fordern nicht nur Wissenschaftler und Umweltaktivisten schnelle und umfassende Maßnahmen – sondern auch militärische Befehlshaber in meinem Land und in anderen, die wissen, dass unsere gemeinsame Sicherheit auf dem Spiel steht.

Abkommen zwischen Ländern. Starke Institutionen. Unterstützung für die Menschenrechte. Investitionen in Entwicklung. All das sind wichtige Bestandteile, wenn wir die Entwicklung herbeiführen wollen, von der Präsident Kennedy sprach. Und dennoch bin ich nicht der Meinung, dass wir den Willen, die Entschlossenheit, das Durchhaltevermögen haben werden, um diese Arbeit abzuschließen, wenn wir nicht ein weiteres Element einbeziehen - die fortgesetzte Erweiterung unseres moralischen Vorstellungsvermögens, ein Festhalten daran, dass es etwas Unreduzierbares gibt, das wir alle gemeinsam haben.

Die Welt wird kleiner, und man würde meinen, dass es den Menschen dadurch leichter fällt zu erkennen, wie ähnlich wir uns sind und zu verstehen, dass wir alle grundsätzlich dieselben Dinge wollen, dass wir alle hoffen, unser Leben mit einem gewissen Maß an Glück und Erfüllung für uns und unsere Familien gestalten zu können.

Und dennoch ist es angesichts des Schwindel erregenden Tempos der Globalisierung, der kulturellen Einebnung der Moderne manchmal nicht erstaunlich, dass die Menschen Angst davor haben, das zu verlieren, was sie an ihren jeweiligen Identitäten wertschätzen - ihre Herkunft, ihren Stamm, und, möglicherweise am stärksten, ihre Religion. An einigen Orten hat diese Angst zu Konflikten geführt. Manchmal hat es sogar den Anschein, als bewegten wir uns rückwärts. Wir sehen es im Nahen Osten, wo sich der Konflikt zwischen Arabern und Juden zu verhärten scheint. Wir sehen es in Ländern, die von den Trennlinien zwischen Stämmen entzwei gerissen werden.

Und wir sehen es in seiner gefährlichsten Form an der Art und Weise, wie Religion dazu verwendet wird, den Mord an Unschuldigen zu rechtfertigen, und zwar von denjenigen, die die große Religion des Islam verdreht und entweiht haben, und die von Afghanistan aus mein Land angegriffen haben. Diese Extremisten sind nicht die ersten, die im Namen Gottes töten. Es gibt reichlich Belege für die Grausamkeit der Kreuzzüge. Sie erinnern uns daran, dass kein Heiliger Krieg jemals ein gerechter Krieg sein kann. Denn wenn man wirklich der Auffassung ist, dass man auf göttliches Geheiß handelt, gibt es keinen Anlass zur Zurückhaltung – keinen Grund dafür, eine schwangere Mutter, einen Arzt, einen Mitarbeiter des Roten Kreuzes oder einfach einen Anhänger der eigenen Religion zu verschonen. Solch eine verzerrte Auffassung von Religion ist nicht nur unvereinbar mit dem Konzept des Friedens, sondern meiner Meinung nach auch unvereinbar mit dem grundlegenden Zweck des Glaubens – denn es gibt eine Regel, die jeder Weltreligion zugrunde liegt: dass wir andere so behandeln, wie wir selbst behandelt werden wollen.

Es war schon immer der größte Kampf der menschlichen Natur, sich an dieses Gebot der Nächstenliebe zu halten. Denn wir sind fehlbar. Wir machen Fehler, und wir fallen den Versuchungen des Stolzes, der Macht und manchmal des Bösen zum Opfer. Sogar diejenigen mit den besten Absichten sind manchmal nicht in der Lage, die offensichtlichen Übel zu beheben.

Aber wir müssen nicht daran glauben, dass die menschliche Natur vollkommen ist, wenn wir daran glauben, dass der Mensch doch nach Vollkommenheit streben kann. Wir müssen nicht in einer idealisierten Welt leben, um uns für die Ideale einzusetzen, die die Welt zu einem besseren Ort machen. Die von Menschen wie Gandhi und King praktizierte Gewaltlosigkeit mag nicht in jeder Situation durchführbar oder möglich gewesen sein, aber die Liebe, von der sie sprachen - ihr unerschütterlicher Glaube an den menschlichen Fortschritt - das muss der Polarstern sein, der uns auf unserer Reise leitet.

Denn wenn wir diesen Glauben verlieren - wenn wir ihn als dumm oder naiv abtun oder von den Entscheidungen trennen, die wir über Krieg und Frieden treffen - dann verlieren wir das, was das Beste am Menschen ist. Wir verlieren unser Gefühl für das Mögliche. Wir verlieren unseren moralischen Kompass.

Wie Generationen es vor uns getan haben, müssen wir eine derartige Zukunft ablehnen. Dr. King sagte vor so vielen Jahren bei dieser Zeremonie: "Ich weigere mich anzuerkennen, dass Verzweiflung die letzte Antwort auf die Wechselfälle der Geschichte darstellt. Ich weigere mich, die Vorstellung anzuerkennen, dass das "Sein" der gegenwärtigen menschlichen Natur ihn in moralischer Hinsicht unfähig macht, nach dem ewigen "Sollen" zu streben, das ihm für immer gegenübersteht."

Lassen Sie uns nach der Welt greifen, so wie sie sein sollte - nach dem göttlichen Funken, der noch immer jeder menschlichen Seele innewohnt.

An irgendeinem Ort im Hier und Jetzt, in der Welt, so wie sie ist, merkt ein Soldat, dass er unterlegen ist, aber er hält die Stellung, um den Frieden zu sichern. An irgendeinem Ort auf der Welt erwartet eine junge Demonstrantin die brutale Reaktion ihrer Regierung, aber sie hat den Mut, weiterzulaufen. An irgendeinem Ort nimmt sich eine Mutter trotz bitterer Armut die Zeit, ihr Kind zu unterrichten, sie kratzt die wenigen Münzen zusammen, die sie hat, um ihr Kind zur Schule zu schicken – weil sie der Meinung ist, dass selbst in einer grausamen Welt Platz für die Träume ihres Kindes ist.

Lassen Sie uns diese Menschen als Beispiel nehmen. Wir können anerkennen, dass es Unterdrückung immer geben wird, aber uns dennoch für Gerechtigkeit einsetzen. Wir können die Unlenksamkeit des Bösen anerkennen und dennoch nach Würde streben. Ohne Verklärung können wir verstehen, dass es immer Krieg geben wird, und dennoch für den Frieden arbeiten. Das können wir tun – denn das ist die Geschichte des menschlichen Fortschritts, das ist die Hoffnung für alle Welt, und in diesem Augenblick der Herausforderung muss das hier auf der Erde unsere Arbeit sein.

Vielen Dank.


Herausgeber: US-Botschaft Berlin, Abteilung für öffentliche Angelegenheiten
Übersetzt vom Amerika Dienst

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