Dokumentationsstätte : Steinbach: Vertriebenenzentrum ist überfällig

Der Bund der Vertriebenen feiert sein 50-jähriges Bestehen - und macht Druck auf Polen und die Bundesregierung.

Sebastian Bickerich
Steinbach
Die Präsidentin des Bundes der Vertriebenen, Steinbach, mit Kanzlerin Merkel. -Foto: ddp

Berlin - Der Bund der Vertriebenen (BdV) hat die Bundesregierung eindringlich an ihre Zusage erinnert, eine Berliner Dokumentationsstätte zum Schicksal der Vertriebenen einzurichten. Erst wenn dieses Vorhaben gelinge, „werden die deutschen Heimatvertriebenen sich hier angekommen und angenommen fühlen können“, sagte Steinbach am Montag laut vorab veröffentlichtem Redetext beim Festakt zum 50-jährigen Bestehen des Verbandes im Berliner Kronprinzenpalais, an dem auch Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) teilnahm.

60 Jahre nach Kriegsende sei die Errichtung eines Dokumentationszentrums „überfällig“. Damit könne gezeigt werden, dass dieser Teil der Geschichte „einen festen Ort im kollektiven Gedächtnis unseres Vaterlandes hat“, sagte Steinbach, die dem BdV seit 1998 vorsteht.

Der Streit um das „Zentrum gegen Vertreibungen“ belastet seit Jahren das deutsch-polnische Verhältnis. Union und SPD hatten sich im Koalitionsvertrag zwar darauf verständigt, ein „sichtbares Zeichen“ zur Erinnerung der Vertriebenen zu setzen, dies aber als europäisches Projekt bezeichnet. Polen lehnt eine Beteiligung der vom BdV maßgeblich mitgetragenen, im Jahr 2000 gegründeten Stiftung „Zentrum gegen Vertreibungen“ jedoch ab und stellte während der Kaczynski-Regierung auch die Zusammenarbeit an einem unter der rot-grünen Bundesregierung konzipierten Alternativprojekt ein.

Nach dem Wahlsieg des Liberalen Donald Tusk erwartet die Bundesregierung nun eine Entspannung in dieser Streitfrage. Nach Informationen dieser Zeitung arbeitet Kulturstaatsminister Bernd Neumann (CDU) an einem Kompromissmodell, das den Bund der Vertriebenen nur indirekt an einem „Zentrum“ beteiligt, Vertreter Osteuropas dagegen unmittelbar in die inhaltliche Konzeption einbinden soll. Grundlage könnte demnach die im Haus der Geschichte in Bonn konzipierte Ausstellung „Flucht, Vertreibung, Integration“ sein. Als Standort sind drei Häuser in Berlin im Gespräch, darunter das Kronprinzenpalais Unter den Linden und das Deutschlandhaus am Anhalter Bahnhof.

Der Bund der Vertriebenen wurde am 27. Oktober 1957 gegründet. Zum BdV gehören 21 Landsmannschaften, 16 Landes- und 4 Unterverbände. Rund 15 Millionen Deutsche mussten während des Zweiten Weltkriegs und danach ihre Heimat zwangsweise verlassen. Etwa acht Millionen ließen sich auf dem Gebiet der späteren Bundesrepublik Deutschland nieder, vier Millionen gelangten in das Gebiet der späteren DDR, rund 2,5 Millionen kamen schätzungsweise bei Flucht und Vertreibung ums Leben.

» Mehr Politik? Tagesspiegel lesen + 50 % sparen!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben