Donald Trump, der Revolutionär : Wie es Trump gelang, die Elite zu überlisten

Meisterhaft hat Donald Trump die Mechanismen der sozialen Netzwerke und der modernen Medien für sich genutzt. Er inszeniert sich als Kämpfer gegen die digitale Revolution, ist aber deren Vorkämpfer. Ein Kommentar.

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Das Twitter-Profil von Donald Trump am Tag nach der US-Wahl.
Das Twitter-Profil von Donald Trump am Tag nach der US-Wahl.Screenshot: Twitter/ @realDonaldTrump

Wer eine Botschaft mit einer neuen Technik verbreitet, kann Deutungsmonopole knacken. Martin Luther übersetzte die Bibel ins Deutsche. Doch nur, weil Johannes Gutenberg zuvor den modernen Buchdruck erfunden hatte, konnten die Reformatoren auch ihre Schriften weit verbreiten. Das bedeutete eine Popularisierung und Demokratisierung ihrer Ideen. Der katholische Klerus mit seinen elitären Latein-Kenntnissen als Vorbedingung für jede Bibelexegese wurde entmachtet.


Donald Trump hat auf Twitter etwa 13 Millionen Follower. Mit 140 Anschlägen pro Tweet kann er sie zu jeder Tages- und Nachtzeit erreichen. Sein Hashtag #MAGA (Make America Great Again) diente ihm im Wahlkampf als Mobilisierungsplattform.


Die private Internetagentur Vico Research hat den amerikanischen Wahlkampf im Rahmen einer Social-Media-Analyse untersucht. Vom Sieg Trumps waren die Analysten nicht überrascht. Während etwa in den TV-Debatten laut herkömmlichen Umfragen Hillary Clinton dominierte, hätten in den sozialen Netzwerken die Beiträge für Trump ein weit größeres Kommunikationsvolumen erreicht, heißt es in der Studie. Marc Trömel, der Geschäftsführer der Agentur, sagt: „Die Machtverschiebung in der Medienlandschaft von klassischen Medien hin zu Social Media ermöglicht es Populisten, erfolgreich zu sein. Klassische Marktforschung versagt in dieser Situation, da sie nur Einstellungen misst, aber die Kommunikationsprozesse ignoriert, die heute ausschlaggebend sind.“

„Abschied von den Rationalmedien und ein Übergang zu den Gefühlsmedien“

„Trumps Sieg ist auf sozialen Medien aufgebaut“, meint auch der Internet-Philosoph Sascha Lobo. „Ohne Twitter, ohne Facebook, ohne Blogs wäre Trumps Sieg kaum denkbar gewesen.“ Ziel und Treibstoff in den sozialen Medien seien Emotionen. Insofern kündige sich mit dem Wahlergebnis ein „Abschied von den Rationalmedien und ein Übergang zu den Gefühlsmedien“ an.


Lobo hat diese Entwicklung prognostiziert. In einem Vortrag, den er im Juni in der Universität Tübingen hielt („Das Ende der Gesellschaft – Digitaler Furor und das Erblühen der Verschwörungstheorien“) diagnostizierte er die „emotional verbindenden und aktivierenden Elemente der sozialen Medien“, derer sich vor allem Rechtsextreme zu bedienen wissen. Die AfD etwa sei die erste erfolgreiche Internet-Partei Deutschlands. Würde man Facebook-Likes mit Wählerstimmen gleichsetzen, kämen AfD und NPD in einem Facebook-Parlament gemeinsam auf 46,5 Prozent.


Sowohl Trump als auch Clinton haben im Wahlkampf pseudoechte Profile eingesetzt, so genannte „social bots“, um Trends zu verstärken. Die Meinungsroboter versenden in den sozialen Medien massenhaft Botschaften. Dem Empfänger wird dadurch suggeriert, dass ein bestimmtes Thema von Bedeutung ist. Es ist eine im höchsten Maße manipulative und manipulierbare Welt, die dort erschaffen wurde. Sie entwertet die Authentizität der im Netz sonst möglichen Formen authentischer Kommunikation. Einer Studie der Oxford University zufolge war bei Trump während der ersten TV-Debatte jeder dritte Unterstützer-Tweet vorgetäuscht. #TrumpWon wurde durch Automaten zum Trend. Maschinen übernahmen die Meinungsbildung.

Am Anfang stand der Aufmerksamkeitsreflex

Trump hat die Mechanismen der sozialen Netzwerke und der modernen Medien durchschaut und meisterhaft für sich genutzt. Am Anfang stand der Aufmerksamkeitsreflex der klassischen Medien, der besonders stark bei allem Exotischem ausschlägt. Es folgte die Immunisierung gegen jede Art rationaler Kritik. Dafür wurde das ideologische Konstrukt eines elitären Establishments verbreitet, das vom Untergang des Landes profitiert und den einzigen, der es davor bewahren kann, nämlich ihn selbst, mit allen Mitteln zu verhindern versucht. Das verfing erschreckend leicht.


Von dem Moment an wurde aus jeder Wahlempfehlung für Clinton, aus jedem Nachweis einer Trump-Lüge, aus jeder Warnung vor dessen Rassismus, aus jedem sexistischen Skandalvideo ein Beweis für die Richtigkeit der These. Je einhelliger die Ablehnung durch das „Establishment“, desto überzeugender die Parole, mit der Macht eines monolithischen Systems radikal brechen zu müssen.


Trump inszeniert sich selbst als Kämpfer gegen die Globalisierung und gegen die Folgen der digitalen Revolution, in der Menschen durch Roboter ersetzt werden. In Wahrheit ist er ein Vorkämpfer dieser Revolution. Ob ihn real existierende Anhänger unterstützen oder Twitterbots, ist ihm egal. Hauptsache, er liegt im Trend.

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Donald Trump - ein Populist im Weißen Haus
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