Doppelmoral der Drogenpolitik : Auf Entzug von der Wirklichkeit

Drogenverdacht gegen Volker Beck. Jeder vierte Europäer hat schon illegale Rauschmittel probiert. Mit Verboten ist der Lust auf Rausch nicht beizukommen. Ein Kommentar.

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Drogenfund. Polizisten mit beschlagnahmten Marihuana-Tütchen in Kreuzberg.
Drogenfund. Polizisten mit beschlagnahmten Marihuana-Tütchen in Kreuzberg.Foto: Bernd von Jutrczenka/dpa

Schnell und knapp hat Volker Beck am Mittwoch die Konsequenz gezogen, nachdem ihn Polizisten in Schöneberg in der Nacht zuvor mit 0,6 Gramm einer „betäubungsmittelsuspekten Substanz“ erwischt hatten. Der Grünen-Bundestagsabgeordnete legte seine Ämter in der Fraktion nieder. Zu den Vorwürfen der Staatsanwaltschaft wolle er sich „öffentlich nicht einlassen“, hieß es in seiner kurzen schriftlichen Erklärung, in der aber doch Platz für diesen einen sinnfälligen Satz war: „Ich habe immer eine liberale Drogenpolitik vertreten.“

Ist das ein Teilgeständnis oder schon der erste Hinweis auf die Verteidigungsstrategie? Möglicherweise beides, vor allem aber ist es eine politisch-moralische Botschaft: Als was auch immer sich der Stoff im Polizeilabor entpuppen wird, zumindest Bigotterie will sich Beck nicht vorwerfen lassen.

Denn nicht weniger verbreitet als der Konsum illegaler Rauschmittel ist die Doppelmoral als Begleiterscheinung der öffentlichen Drogendebatte. Jeder vierte Erwachsene in der EU hat schon mal illegale Drogen genommen, heißt es in einem aktuellen UN-Bericht. Während sich draußen im Land Spitzenköche, Manager, Künstler, Piloten und die breite Masse vom Lkw-Fahrer bis zum Clubbesucher mit verbotenen Substanzen wachhalten, entspannen oder volldröhnen, verharren ihre gewählten Repräsentanten und Regierenden seit Jahrzehnten konsequent in einer restriktiven Drogenpolitik, die außer Strafrecht und Entziehungskuren keine Mittel gegen die berauschte Gesellschaft findet.

Die Befürworter der Freigabe haben keine überzeugenden Antworten

Doch aus der nüchternen Erkenntnis, dass in menschlichen Gemeinschaften, seien es archaische Stammesbünde oder auf Hochleistung getunte Industriegesellschaften, offenbar kein drogenfreies Leben möglich ist, ergibt sich zwangsläufig die Frage nach Alternativen. Auch die Befürworter einer staatlich kontrollierten Duldung von Besitz und Konsum liefern keineswegs überzeugende Antworten.

Drogen freizugeben, ob bedingt oder bedingungslos, bedeutet, auf staatliche Restriktion zugunsten individueller Freiheit zu verzichten. Nur: Ein verantwortungsvoller und dosierter Umgang mit Drogen, bei dem sich gesundheitsschädigende Folgen in Grenzen halten, setzt allerdings Vernunft, psychische Stabilität, Risikobewusstsein und Kontrollvermögen voraus, leider ausgerechnet jene Fähigkeiten, die durch den Gebrauch von Rausch- und Betäubungsmitteln oft außer Kraft gesetzt werden.

Wie eine liberale Drogenpolitik aussieht, lässt sich in der Praxis beim Umgang mit dem legalen Rauschmittel Hydroxyethan, allgemein als Alkohol bekannt, beobachten. Trotz des massenhaften Missbrauchs, der Exzesse und Todesfolgen, die mit der Droge in Verbindung stehen, käme niemand ernsthaft auf die Idee, eine Prohibition zu fordern.

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Drogenfund bei Volker Beck: 'Hat mich nicht überrascht'

Taugt das ärztlich überwachte Doping mit rezeptpflichtigen Stimmungsaufhellern, Potenzmitteln, Tranquilizern, die schon heute massenhaft verordnet werden, um die psychische Balance und Lebenslust der westlichen Zivilisation medikamentös zu stützen, als Modell für die kontrollierte Freigabe von Rauschmitteln? Und welche Drogen kämen dafür in Frage: Cannabis ab 18 Jahren im Coffeeshop, Kokain und Heroin auf Rezept aus der Apotheke, aber nur für Süchtige? Oder soll jeder Erwachsene nach ärztlicher Begutachtung seiner physischen Gesundheit und psychischen Reife auf Wunsch mal ein, zwei Gramm auch harter Drogen genehmigt bekommen? Etwa auch Crystal Meth mit seinem hohen Suchtpotenzial und den zerstörerischen Wirkungen auf das Gehirn?

Die Fürsprecher eines gelockerten Umgangs mit Rauschdrogen, die sich in allen Parteien finden, haben kein einheitliches, geschweige denn konsensfähiges Konzept, aber viele, ganz unterschiedliche Argumente dafür, die strikte Verbotslinie bei Betäubungsmitteln zu verlassen: von Milliarden-Steuermehreinnahmen nach dem Modell von Tabak und Alkohol über die Austrocknung des illegalen Drogensumpfs bis hin zur Befriedung ganzer Weltregionen, die beherrscht sind von den Profiteuren des kriminellen Geschäfts.

Die drogenfreie Welt ist eine Illusion

„Wir müssen akzeptieren, dass eine drogenfreie Welt eine Illusion ist“, sagte der ehemalige Uno-Generalsekretär Kofi Annan kürzlich dem „Spiegel“ – es ist das Fazit aus einem Jahrzehnte lang ebenso erbittert wie erfolglos geführten weltweiten Anti-Drogen-Krieg. Die Staaten sollten deshalb „die totale Unterdrückung von Drogen aufgeben“ und den privaten Konsum entkriminalisieren, empfiehlt Annan heute. Mancherorts wird dieser Weg bereits beschritten. Uruguay hat 2013 als erstes Land den Anbau und Verkauf von Cannabis legalisiert, in den USA ist das Kiffen inzwischen in fünf Bundesstaaten straffrei möglich, insgesamt 23 US-Bundestaaten haben mindestens die Abgabe von Cannabis zu medizinischen Zwecken erlaubt.

Es ist ein Schritt zur Anerkennung der Realität, der erste notwendige Schritt für jede richtige Politik. Drogen sind nicht aus der Welt zu schaffen. Aber die Entkriminalisierung allein schafft das Drogenproblem, die gesundheitlichen Risiken und sozialen Folgen des Missbrauchs, nicht aus der Welt. So zu tun, als wäre die Freigabe aller Drogen die einfache Lösung, ist keine Politik, die Freiheit und Verantwortung zusammendenkt.

Wie heißt es so schön in dem alten marokkanischen Sprichwort: Ein wenig Feuer wärmt, aber viel Feuer verbrennt. Heroin, Speed, LSD oder gar Crystal Meth für alle, das würde mit Sicherheit zu einem ganz miesen kollektiven Trip werden - sogar mit Packungsbeilage. Zu Risiken und Nebenwirkungen fragen Sie Ihren Arzt oder Apotheker.

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