Doppelmord in Istanbul : Christ tötet seine Schwester und deren muslimischen Ehemann

In Istanbul hat ein armenischer Christ seine Schwester und deren muslimischen Vermählten durch Kopfschüsse ermordet. Das Verbrechen hat die armenische Gemeinde in Istanbul aufgeschreckt.

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Zekeriya Vural konnte es nicht mehr hören. „Von morgens bis abends faselst du von der Ehre“, fauchte der Istanbuler Juwelier seinen Schwager Gönay Ögmen an. Vural, ein Muslim, hatte sich Anfang Dezember heimlich mit Ögmens Schwester Soney vermählt, einer armenischen Christin. Und nun verlangte Schwager Ögmen bei einem Treffen in einem Restaurant, das Paar solle wenigstens eine kirchliche Trauung nachholen, um die christliche Familie der Braut zu beruhigen. Vural lehnte das ab. Zuerst im Restaurant und später im Wagen der frisch vermählten Eheleute stritten sich die Drei immer heftiger darüber. Dann zog Gönay Ögmen, der Christ, eine Pistole und tötete zuerst Vural, den Muslim, und dann seine eigene Schwester mit Kopfschüssen.

Der Doppelmord an dem erst wenige Wochen verheirateten Paar am Samstag hält seit Tagen die türkische Öffentlichkeit in Atem. Kurz nachdem die Leichen der beiden Opfer in dem Wagen von Passanten gefunden wurden, nahm die Polizei Gönay Ögmen als Hauptverdächtigen fest. Wie der Anwalt der Ögmen-Familie, Adnan Mercan, bestätigte, hat der 29-Jährige die Tat gestanden.

Die 26-jährige Apothekenangestellte Soney hatte den drei Jahre älteren Zekeriya im Sommer kennen gelernt, als er sich von ihr eine Spritze setzen ließ. Die Familie der jungen Frau war gegen die Romanze und gegen eine Heirat, weshalb sich die beiden vor zwei Wochen heimlich standesamtlich trauen ließen. Im Tod wurden die Eheleute wieder voneinander getrennt: Zekeriya wurde auf einem muslimischen Friedhof beigesetzt, Soney auf einem christlichen.

Die wildromantische Liebesgeschichte mit tödlichem Ausgang schürt nun die Angst vor einem „Klima des Hasses“ zwischen den Religionen. Nach mehreren Morden fanatischer Nationalisten und Muslimen an Christen in der Türkei in den vergangenen Jahren, ist der Doppelmord an den Vurals der erste Fall, in dem ein Christ wegen eines religiös motivierten Streits einen Muslim umgebracht hat. Das armenische Patriarchat in Istanbul reagierte entsetzt und verurteilte die Tat.

„Kirchentrauung oder Tod“, titelte eine türkische Zeitung, „Liebe zum Andersgläubigen wurde zum Mordmotiv“, eine andere. Muslimische Verwandte von Zekeriya sprachen von einem „Ehrenmord“ der christlichen Familie. Die Eltern der Braut hätten Drohungen ausgestoßen und davon gesprochen, Zekeriya und Soney umbringen zu lassen, sagte ein Onkel Zekeriyas der Zeitung „Hürriyet“. Es sei keine Einzeltat gewesen, sondern ein Verbrechen auf Beschluss des Familienrates der Ögmens.

„Ehrenmord“ und „Familienrat“ sind Begriffe, die in der Türkei sonst nur im Zusammenhang mit brutalen Racheakten anatolischer Familien an angeblich sittenlosen Frauen aus der Verwandtschaft zu hören sind. Dass sie nun auf die christliche Familie Ögmen angewendet werden, sei gefährlich, meint der Autor und Menschenrechtsaktivist Levent Sensever. Auf diese Weise würden die muslimischen Verbrechen an den Christen der vergangenen Jahre relativiert, sagte Sensever. Außerdem stünden die Christen als rückständig und gewalttätig da. „Das schürt ein Klima des Hasses“, sagte er. „Für alle Christen (in der Türkei) ist das ein Problem.“

Auch Anwalt Mercan sieht diese Gefahr. Mit Nachdruck weist er die These zurück, dass der Doppelmord etwas mit Religion zu tun hatte. „Er hatte Streit mit seinem Schwager, es war etwas Persönliches“, sagt der Anwalt über den geständigen Mörder Gönay Ögmen. Von einem „Ehrenmord“ könne erst recht keine Rede sein: Es gebe bei keiner Religion in der Türkei eine Tradition von Gewalt bei Ehen über Glaubensgrenzen hinweg. „Viele Muslime heiraten Christen und umgekehrt, und bisher gab es nie ein Problem“, sagt der Anwalt. Auch seien die Eltern von Gönay und Soney völlig am Boden zerstört – dagegen sind die Täter bei „Ehrenmorden“ meistens stolz auf ihr Verbrechen.

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