Politik : Doppeltes Spiel

Ashwin Raman

Aufhorchen lassen die Umstände, unter denen Taliban-Führer Mullah Omar möglicherweise die Flucht gelungen ist. Dabei geht es nicht so sehr um ein Detail, das der amerikanische Geheimdienst verbreitet: Der Taliban-Chef und 300 seiner Kämpfer sollen nach diesen Angaben bei ihrer Flucht aus Kandahar vor zwei Wochen nicht nur Motorräder, sondern auch Esel benutzt haben. Gravierender scheint da schon eine Aussage von Abdul Qadez, einem Bankmanager in Kandahar: "Mullah Omar kam mit mehreren bewaffneten Männern und holte rund sieben Millionen Dollar, mit der Begründung, er müsse offen stehende Gehälter auszahlen. Wir wussten, dass dies nicht stimmte, aber was sollten wir tun?" Das Geld soll in mehreren leeren Mehlsäcken abtransportiert worden sein.

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Fotos: Osama Bin Laden, Krieg in Afghanistan
Inzwischen geben US-Militärberater zu, dass die Chancen, Mullah Omar oder Osama bin Laden zu fassen, minimal sind. Die Paschtunen-Stammesführer verweigern zunehmend die Kooperation. Viele Führer betreiben allerdings ein Doppelspiel. Sie kassieren amerikanische Gelder, leisten aber keine Hilfe, gewähren sogar den Taliban und Al-Qaida-Kämpfern Unterschlupf. Einer dieser Führer, Chaoos Khan, sagte vor Journalisten: "Aus Tradition glauben wir an Loyalität und Gastfreundschaft. Wir werden Durchsuchungen unserer Häuser durch Fremde niemals zulassen. Wir haben amerikanische und pakistanische Soldaten in unseren Gebieten zugelassen, und das an sich ist schon eine Ausnahme."

Acht Paschtunenführer sollen den Amerikanern ausdrücklich gesagt haben, dass sie in deren Gebieten nicht erwünscht sind. Arif Khan, einer dieser Führer, sagte: "Nur Feiglinge arbeiten mit den Amerikanern. Wir unterstützen immer noch die Taliban. Wir lieben sie! Für kein Geld der Welt werden wir unser Volk verraten! Wir werden auch bin Laden und seine Leute nicht ausliefern."

Währenddessen gibt es auch erste große Unstimmigkeiten zwischen Washington und Kabul. Auslöser ist die Amnestie für den Taliban-Verteidigungsminister Mullah Ubaidullah, Justizminister Mullah Nooruddin Turabi und Wirtschaftsminister Mullah Saaduddin durch Gul Agha Sherzoi, den Gouverneur von Kandahar. Die ersten beiden stehen aber immer noch auf der Liste der USA. Als die Nachricht Washington erreichte, soll Verteidigungsminister Donald Rumsfeld "sprachlos" gewesen sein und sofort zum Telefon gegriffen haben. Khalid Pashtoon, der Sprecher des Gouverneurs Sherzoi, sagte in Kandahar: "Wir haben immer gesagt, dass wir, von Mullah Omar einmal abgesehen, alle Taliban, die ihre Waffen ablegen und Solidarität mit der neuen Regierung bekunden, amnestieren werden. Sie sind unsere Brüder, und wir haben ihnen erlaubt, nach Hause zu gehen. Sie werden nicht an die Amerikaner überführt."

Im amerikanischen Marinestützpunkt Guantanamo Bay auf Kuba bereiteten sich Soldaten in der Nacht zum Freitag auf die Ankunft der ersten Gefangenen aus Afghanistan vor. Zunächst 20 Mitglieder der Taliban und der Al Qaida befanden sich unter strengen Sicherheitsvorkehrungen auf dem Wege zu der Karibikinsel, weitere sollten in den nächsten Tagen folgen.

In einem Tal im Westen Afghanistans wurden unterdessen Leichenteile gefunden, die offenbar von einem Massaker der Taliban an 72 mutmaßlichen Oppositionellen stammen. Ein Schäfer habe die Behörden auf das Massengrab in der Provinz Herat hingewiesen, hieß es.

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