Politik : Dr’ Zoch kütt

Alle Dinge brauchen einen Namen. Im Karneval heißen sie Motto. Ein Streifzug durch die Leitsprüche des Frohsinns

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Seit 1823 ziehen jährlich - mit nur wenigen Ausnahmen - Jecken in kunterbunter Horde umher: Karneval in Köln hat Tradition, zieht feierwütige Narren aus aller Welt an: „Kölle Alaaf!“Fotos: akg, ullstein, p-a/dpa (3), dpa, caro/oberhaeuser
Seit 1823 ziehen jährlich - mit nur wenigen Ausnahmen - Jecken in kunterbunter Horde umher: Karneval in Köln hat Tradition, zieht...

In Köln sind sie in diesen Tagen ein wenig irritiert. Nicht weil der FC, der doch meistens recht mediokre örtliche Fußballverein, plötzlich auch mal gewinnt. Auch nicht weil dessen Star, der Poldi, zwar ein Prinz ist, der Prinz Poldi, äwwer eben nisch dä äschte Prinz, der Prinz, der wirklich etwas zählt in Kölle und den zu werden angeblich schon die Pänz erträumen: Der Prinz Karneval! Was sie indes ins Grübeln bringt, ist die hochoffiziöse Behauptung, dass ihre Stadt – und das ist jetzt kein Schreibfehler – was zu beaten hat. Hä? Dä Beat us Kölle? Am Ring? Kütt dä nisch vom Mersey in Liverpuhl?

Und so geht das nicht, leeve Kölner! Nicht alle Menschen sind zweisprachig aufgewachsen und polyglott wie meer ussem Rheinland. Und deshalb müssen auch in einem Text über die rheinländische Domäne Karnevalsmottos Übersetzungen her. Was? Der Beat aus Köln? Am Rhein? Kommt der nicht vom Mersey in Liverpool? Geht doch!

Karnevalsmottos, Rosenmontagszugmottos, Sessionsmottos sind so alt wie ihre Aufzeichung. Also in Köln seit 1823 mit der „Thronbesteigung des Helden Karneval“. Es gibt sie überall. Auch in Düsseldorf, selbst in Mainz, überall da, wo sich Menschen an und in diesen speziellen Tagen und Nächten verkleiden, recht fröhlich sind, singen, tanzen, trinken, und nach dem Trinken noch mehr recht fröhlicher, manch einer, bis zum Einschlafen fröhlich. Und warum, bitteschön, wenn es Mottos überall gibt, werden die Kölner besonders hervorgehoben? Weil Köln, da mögen zwar dem einen oder anderen die Zähne knirschen, aber zugeben muss er es doch: Weil Köln in dieser Zeit nun mal das Rio Deutschlands ist. Kleines Witzchen am Rande: Aber fußballtechnisch nicht! (Tätä! Tätä! Tätä!).

Was nun die Irritationen angeht, so werden die nicht weniger durch all die Überlegungen, die hinter dem diesjährigen Motto stecken. Man muss sich eine Mottowahl in Köln so vorstellen: Da sitzen drei, vier honorige Herren des Festkomitees in einem Hinterzimmer beisammen, der Zugleiter ist wohl auch dabei, möglicherweise auch ’ne Pittermännchen – dt.: Petermännlein, d. i. ein kleines Zehn-Liter-Fass kölnischen Bieres, etwas weiter nördlich den Rhein hoch, bei Stromkilometer 744, da wo man Alt trinkt, sagt man auch Dünnbier (Tätä! Tätä! Tätä!) – streng geheim, verschlossene Türen, und wenn das Pittermännchen alle ist, öffnen sich die Türen und die Herren verraten nichts. Erst alljährlich dienstags, wenn nach dem anstrengenden Rosenmontag beim Prinzen gefrühstückt wird, wird das Motto der kommenden Session verkündet. „Köln hat was zu beaten!“

Dem Vernehmen und Marita Dohmen vom Kölner Karnevalsmuseum nach, ist das diesjährige Motto vielfältig. „Zum einen ist Köln eine sehr musikalische Stadt, deswegen der Beat“, sagt sie. Desweiteren sei Köln natürlich auch eine sehr rührige Stadt, habe also was zu bieten. Man könne, jeder für sich nach seiner Fasson, auch das a in beaten streichen, dann habe Köln was zu beten. „Iss ja och en katholische Stadt, allein dä Dom“ – dt.: Ist ja auch eine katholische Stadt, alleine der Dom. Schließlich, so Frau Dohmen weiter, könne man auch zwischen dem e und dem a von beaten ein r einfügen, jeder für sich nach seiner Fasson, dann hat Köln was zu beraten. Und das stimmt ja auch. „Beraten“ ist Mundart, dt.: kungeln (Tätä! Tätä! Tätä!). Und das alles sollen die Herren vom Festkomitee berücksichtigt haben bei ihrem Pittermännchen? „Äwwer sischer!“ – dt.: Aber gewiss!

Die so vielfältig geforderten Kölner haben es aber bei der einen, etwas aus der Zeit gefallenen Bedeutung belassen. Bei der Immisitzung auf jeden Fall waren die Kleider und Accessoires der Flower-Power-Ära, eben des Beats, vorherrschendes Gewand. Und in den Läden für den Karnevalszubehör ist die Frage nach dem Peace-Zeichen enorm gestiegen. Gut möglich, dass der Kölner Rosenmontagszug in diesem Jahr ein bisschen wie ein alter Ostermarsch rüberkommt. Ach so, fast vergessen. Immis, das weiß ja nicht jeder, Immis sind Kölner mit Immigrationshintergrund, irgendwo in der Fremde geborene und irgendwann zugezogene Menschen, die sich zum Kölnsein und Kölntum bekennen. Den Immis wurde 2007 Ehre erwiesen mit dem Motto „Mir alle sin Kölle!“ dt.: Wir alle sind Köln.

So viele Mottos. Es heißt übrigens Mottos, nicht etwa Motti. Oder Motten? (Tätä! Tätä! Tätä!). Irgendwie sollen sie alles sein, Denkspruch, Wahlspruch, Leitspruch – Devise. Das geriet dann zu Anfang doch arg übergeordnet. Der Anfang wird auf 1823 datiert. Davor war der „Fastelovend“ eine wüste, mythische und kaum kontrollierbare Bacchanalie, wegen seiner Freizügigkeit verhasst beim Klerus, wegen seiner anarchischen Struktur und politischen sowie sozialen Sprengkraft von der Obrigkeit immer wieder mit Vermummungsverboten oder kompletten Absagen behindert. Bis sich die Preußen der Angelegenheit annahmen, geordnete Bahnen anlegten, man kann auch sagen, eine karnevaleske Leitkultur (Tätä! Tätä! Tätä!). Ob das dann tatsächlich zum „Sieg der Freude“ (Motto 1825) führte oder der „Stein der Weisen“ war (1836) oder gar die „Lösung des gordischen Knotens“ (1841), darüber streiten bis heute und immer stärker die offiziellen Vertreter des Karnevals mit den alternativen. Die offiziellen, das sind die, die das Hätz, dt.: Herz, stets vor sich hertragen, die alternativen sind die, die noch bis vor wenigen Jahren nit för Kooche am verordneten Treiben teilnehmen wollten. „Oh, nit für Kooche, Lück, bliev ich Karneval he. Nä, ich verpiss mich hück, ich maach nit met dobei. Ich will fott sinn, wenn weiß wer op aufjeklärt mäht un sing Klosprüch als Wetz jetarnt och“... sang Wolfgang Niedecken mit Bap 1982, dt.: Oh, nicht für Kuchen, Leute, bleibe ich Karneval hier. Nein, ich verpisse mich heute, ich mache nicht mit dabei. Ich will fort sein, wenn weiß wer auf aufgeklärt macht und seine Klosprüche als Witz getarnt auch.

Weil der Karneval ja auch ein wenig sprunghaft ist, zurück ins 19. Jahrhundert. Da wurde nämlich der Karneval international, quasi weltgewandt. 1870 feierte Köln „Die Eröffnung des Suezkanals“, wenngleich bis heute nicht geklärt ist, warum. Damals wie heute haben die Welten nicht viel miteinander gemein, wie überhaupt die Mottos, gemessen an den politischen Anspielungen der Motivwagen im Zug erstaunlich unpolitisch sind. Denkbar, dass das Wasser, hier der Rhein, dort das Mittel- und das Rote Meer, damals das verbindende Element war (Tätä! Tätä! Tätä!). Eine Anmaßung, die auch 1892 noch einmal wiederholt wurde, als das Karnevalskomitee mutmaßlich nach Genuss mehrerer Pittermännchen „Köln als Seehafen“ propagierte. Vom Fühlinger See, Kölns bekanntestem Baggerloch, konnten die Herren damals noch nicht wissen, der wurde erst 1912 angelegt und erst in den sechziger Jahren zum Erholungsziel ausgebaut (Tätä! Tätä! Tätä!).

Aber ein wenig Zeitgeschichte ablesen kann man an den Karnevalsmottos doch, besonders ab der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts, da wurden die Mottos etwas konkreter, bezogener. Von 1940 bis 1948 waren die Karnevalsumzüge ausgefallen, aber 1949 durfte und wollte man wieder jeck sein und zog unter der Devise „Mer sin widder do un dunn wat mer künne!“ dt.: Wir sind wieder da und tun, was wir können“ durch die zerstörte Stadt und sang dazu mit Karl Berbuer „Wir sind die Eingeborenen von Trizonesien“, das Lied zur deutschen Aufteilung in die alliierten Besatzungszonen, dt.: Wir sind die Eingeborenen von Trizonesien.

Auch zwölf Jahre später schuf der Kölner Karneval das Motto zu Lied und Zeit. Die Kabarettisten Wolfgang Neuss und Wolfgang Müller hauten mit „Jetzt kommt das Wirtschaftswunder / Jetzt kommt das Wirtschaftswunder / Jetzt gibt's im Laden Karbonaden schon und Räucherflunder / Jetzt kommt das Wirtschaftswunder / Jetzt kommt das Wirtschaftswunder / Der deutsche Bauch erholt sich auch und ist schon sehr viel runder / Jetzt schmeckt das Eisbein wieder in Aspik / Ist ja kein Wunder nach dem verlorenen Krieg“ auf die Pauke und Colonia feierte sich 1961: „Meer Weetschaffswunderkinder“, dt.: Wir Wirtschaftswunderkinder. Und wunderte sich im Jahr darauf „Wat et nit all gitt!“, dt.: Was es nicht alles gibt.

Das war es dann allerdings auch erst einmal mit der Mundart. Nein, das Kölsch ist nicht nur für die vom Stromkilometer 744 ein Dünnbier, es ist auch kein Dialekt (Tätä! Tätä! Tätä!). Kölsch als Mundart wurde in den Mottos gemieden. Im 19. Jahrhundert komplett, im 20. Jahrhundert zu großen Teilen. „Es kann ja kaum noch einer“, sagt die lustige Frau Dohmen vom Karnevalsmuseum, „ich selber habe meine Kinder auch nicht mit Dialekt erzogen.“ In Wahrheit sagte sie: „Et kann ja kumm noch eener, isch seiber hab minge Pänz och nit mit Kölsch großjezogen.“ (Tätä! Tätä! Tätä!).

Und das führt vermehrt zu Ärger. Also nicht jetzt Frau Dohmens Erziehungssprache, sondern das immer stärker nachlassende Idiom. 2005 zum Beispiel wünschten sich die Herren vom Pittermännchen das Motto „Kölle un die Kids us aller Welt“, dt.: Köln und die Kids aus aller Welt. Kids, das sollte wohl die Reminiszenz an die Globalität des kölschen Wesens sein, ging aber gründlich in die Hosen.

Die Bevölkerung muckte auf. Mit Bap, mehr noch mit den Bläck Föss, dt.: Nackte Füße, hat sich seit den achtziger Jahren eine Gegenbewegung aufgemacht, die das Kölschtum und Kölschsein zur Rettung gegen die Kommerzialisierung und Banalisierung ausgeschrieben hat. Und die Stunksitzungen, inzwischen legendäre, kultige Kabarettveranstaltungen des politisch linken Spektrums, verbreiten diese Gegenbewegung karnevalistisch. Anglizismen in unserem Motto, jeht jar nit, dt.: geht gar nicht.

Auftritt des Alexander von Chiara, seines Zeichens Zugleiter und damit in Köln in etwa eine Instanz wie der Bundestrainer im Fußball. Frau Dohmen ist auf jeden Fall noch heute ergriffen, wenn sie vom Mut des Alexander von Chiara erzählt, der, man kennt das aus diesen Tagen, Adel verpflichtet eben, mannhaft und öffentlich den schweren Fehler eingestand und das Motto, undenkbar eigentlich und in der Geschichte wohl so noch nie vorgekommen, umschrieb: „Kölle un die Pänz us aller Welt!“, dt.: Köln und die Kinder aus aller Welt (Tätät! Tätä! Tätä!). „Un da hät dä ne Menge Orde för bekommen“, sagt Frau Dohmen, dt.: Und dafür hat er eine Menge Orden bekommen. (Tätä! Tätä! Tätä).

Und noch ein Fauxpas, schlimmer als alle anderen. Im Vorjahr geschehen, als das Motto „In Kölle jebützt“, dt.: In Köln geküsst, hieß. Daran, dass das Motto ähnlich originell ist wie das sich lustig machen über die Alttrinker vom Stromkilometer 744, also nicht mal im Ansatz originell (Tätä! Tätä! Tätä!), mochte sich niemand echauffieren. Aber ein t zu viel, das war dann doch zu viel und führte zu großer Empörung. Geküsst nämlich heißt in Köln jebütz, nur die Alttrinker brauchen in ihrer Mundart das t zum bützten (Tätä! Tätä! Tätä!). Es waren aber schon alle Plakate gedruckt, als jemand der Fehler auffiel, 2010 geht in die Annalen ein, als das Jahr, in dem Köln mit einem Düsseldorfer Motto durch den Rosenmontag zog. Eine Schmach, die so schlimm ist, dass sich ein Tusch aus Pietät verbietet (Kein Tätä. Kein Tätä. Kein Tätä).

Dass dergleichen nie wieder geschieht, ist auch ein Anliegen des Geisterzuges, einer alternativen Initiative, die erstmals 1991 auftrat, als der Straßenkarneval wegen des Golfkrieges verboten worden war und die seitdem versucht, den Karneval in seinen Ursprüngen wiederzubeleben. Bis hinein in die Sprache, die wohl auch bei den meisten eingeborenen Kölnern auf nicht viel Verständnis stößt. „Däm Agrippina ze Ihre: Lans dr Stroß vun Zülpich noh de Therme“ lautet das Motto des Alternativumzuges, dt.: Zu Ehren Agrippinas: Entlang der Straße, die von Zülpich kommt, hin zu den Thermen.

Aber sie werden sich schon einigen, irgendwie sind die Karnevalslück, dt.: Karnevalsleute und die Immis und die Karnevalsverweigerer, die keine Verweigerer sind, immer noch zusammengekommen. Weil, et hät noch immer jut jejange, und das muss man nun wirklich nicht mehr übersetzen. Doch? Bitte, et kütt von Häätze!

Wie ja hier heute alles von Herzen kam. Allerdings, leeve Kölner, ihr müsst jetzt trotzdem noch einmal tapfer sein. Die vorangegangenen Zeilen, schluck, „Jeck, we can“, wurden verfasst von einem emigrierten Düsseldorfer. Kölle Alaaf! Und Düsseldorf Helau! Tätä! Tätä! Tätä!

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