Politik : Drei 17- und 18-jährige Neonazis festgenommen

Knapp eine Woche nach der Tat ist der Brandanschlag auf die Erfurter Synagoge aufgeklärt. Der Angriff gehe auf das Konto von drei rechtsgerichteten Jugendlichen, die sich "in der Szene einen Namen machen wollten", sagte Thüringens Innenminister Christian Köckert (CDU) am Donnerstag vor Journalisten.

Nachdem bereits am Ostersonntag ein 18-jähriger, einschlägig vorbestrafter Rechtsextremist dingfest gemacht worden war, seien am Mittwochabend dessen 17 und 18 Jahre alte Komplizen festgenommen worden, sagte Köckert. Die drei hätten nach bisherigen Erkenntnissen den Anschlag allein geplant und ausgeführt. Andere Hintermänner gäbe es höchstwahrscheinlich nicht.

Die Jugendlichen stammen aus dem Raum Gotha. Die Vernehmungen des zuerst Festgenommenen hatten die Ermittler auf die Spur der beiden anderen geführt. Diese gestanden, am Gründonnerstag noch einen zweiten Brandsatz auf die Synagoge in der Erfurter Innenstadt geschleudert zu haben. Dieser wurde erst am gestrigen Donnerstagmorgen auf dem Dach des Gotteshauses entdeckt und sicher gestellt. Wie der erste Molotow-Cocktail, der die Rückwand der Synagoge traf, hatte auch der zweite nicht gezündet. Es war kein Schaden entstanden, niemand wurde verletzt.

Der erste Festgenommene, ein ehemaliges NPD-Mitglied, hinterließ seine Fingerabdrücke auf dem mit "Heil Hitler" gezeichneten Bekennerschreiben; die Fingerabdrücke waren bereits in den Computern der Polizei gespeichert. Einige Tage zuvor hatte er bereits versucht, die Polizei mit einem Anruf in die Irre zu leiten, woraufhin die Beamten sein Mobiltelefon beschlagnahmten.

Das festgenommene Trio brachte die Polizei mit seinen Aussagen über den zweiten, Molotow-Coctail in Verlegenheit, da dieser bei der Spurensicherung an der Synagoge nicht entdeckt worden war. Die Verdächtigen offenbarten Täterwissen und belasteten sich damit massiv - so konnte die Polizei von ihrem Versäumnis noch profitieren.

Die jüngste Panne steht in einer Kette von Unzulänglichkeiten der Behörden. Obwohl bereits im vergangenen Jahr Skinheads die jüdischen Gläubigen vor der Synagoge bedrohten, konnten die Rechtsradikalen an Hitlers 111. Geburtstag unbemerkt ihre Brandbomben auf das Haus werfen. Die Überwachungskameras erwiesen sich als nutzlos, sie lieferten keine brauchbaren Bilder des Anschlags. Die jüdische Gemeinde hatte seit längerem erfolglos ein besseres Überwachungssystem gefordert.

Für Thüringens Ministerpräsident Bernhard Vogel (CDU), der sich erst sechs Tage später zu dem Anschlag äußerte, steht dieser "in krassem Gegensatz zum geistigen Klima im Freistaat Thüringen". Ein Blick auf die Ergebnisse der Landtagswahl im vergangenen September scheint ihn zu bestätigen: Die rechtsradikalen Parteien kamen nicht einmal in die Nähe der Fünf-Prozent-Hürde.

Allerdings stiegen im vergangenen Jahr in Thüringen die Zahl der registrierten Rechtsextremisten, die ihrer Straftaten insgesamt und die Zahl der von ihnen begangenen Körperverletzungen deutlich an. Auch Meinungsforscher haben einen anderen Eindruck vom geistigen Klima im Land als der Regierungschef.

Nach einer repräsentativen Studie haben die Thüringer vor Ausländern mehr Angst als vor Arbeitslosigkeit. Bei einer anderen Umfrage in vier Bundesländern erwiesen sich Thüringer Jugendliche als besonders ausländerfeindlich. Der Fremdenhass reichte im Gegensatz zu den alten Ländern bis weit in die Gymnasien hinein. Im Vergleich mit jungen Menschen in Brandenburg, Bayern und Schleswig-Holstein äußerten die Thüringer am häufigsten ausländerfeindliche und antisemitische Ansichten. Die Forscher wiesen darauf hin, dass vieles auf Defizite an Schulen hindeute. Auch Verfassungsschutz-Chef Helmut Roewer kritisierte, wie hilflos viele Lehrer auf primitivste rechtsradikale Parolen reagierten.

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