Politik : Drei für die Integration

Der Zentralrat wählt ein neues Präsidium. Für Paul Spiegel an der Spitze wird die Eingliederung russischer Juden eine Hauptaufgabe

Christian Böhme

Paul Spiegel will es noch einmal wissen. Er kandidiert für eine zweite Amtszeit als Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland. Der 64-jährige Inhaber einer Künstleragentur in Düsseldorf fühlt sich denen „verpflichtet“, die ihn zu einer zweiten Kandidatur ermuntert hätten. Da es keinen Gegenkandidaten für das Ehrenamt gibt, spricht alles dafür, dass am Sonntag in Berlin der alte Zentralratspräsident vom neunköpfigen Präsidium zum neuen gekürt wird. Auch die Wahl seiner beiden Stellvertreter Charlotte Knobloch und Michel Friedman, ohne die Spiegel nicht weitermachen möchte, gilt als sicher. Das „tolle Team“ (Spiegel) bleibt wohl vier weitere Jahre im Amt.

Es könnten harte Jahre werden – von der allgegenwärtigen Angst vor Anschlägen durch Rechte und Islamisten einmal ganz abgesehen. Denn die Probleme der 83 Gemeinden wachsen in gleichem Maße wie deren Mitgliederzahl. Das betrifft vor allem die Integration der russischen Aussiedler. Zu Tausenden sind sie in den vergangenen Jahren nach Deutschland gekommen, ohne die Sprache zu können und die Grundlagen des Judentums zu kennen. Bisher seien aber Spiegel und seine Kollegen dieser Herausforderung keinesfalls gerecht geworden, ist aus den Gemeinden zu hören. Spiegel, der als Integrationsfigur gilt, hält diese Kritik an seiner ersten Amtszeit für berechtigt. „Wir müssen viel mehr für die Eingliederung der neuen Mitglieder tun“, sagt er. Nach innen wirken – das sei für ihn eine der größten Aufgaben in den nächsten Jahren.

Das Judentum will Spiegel auch auf einer anderen Ebene stärken: als Bestandteil der deutschen Gesellschaft. Noch sei zum Beispiel das Wissen über religiöse Riten und Gebräuche bei Nichtjuden in der Regel gering, die Vorurteile dafür umso größer. Denen müsse mit Informationen etwa in den Schulen begegnet werden. Der Zentralratspräsident will dazu nicht nur mit Vorträgen und Gesprächen beitragen, sondern auch mit leicht verständlicher Lektüre. Er selbst schreibt zurzeit unter dem Titel „Was ist koscher?“ eine Art Leitfaden zum Judentum. Nächstes Jahr soll das Buch erscheinen.

Viel hatten sich Spiegel und die anderen Repräsentanten der deutschen Juden vorgenommen – gerade in diesem Jahr sind sie zu wenig gekommen. Schuld daran war Jürgen W. Möllemann, der im Frühjahr den Antisemitismusstreit vom Zaun brach. Für Spiegel und seine Kollegen war das die schwerste Zeit. Nicht nur, weil Möllemann gezielt einen der ihren, Michel Friedman, angriff. Auch, dass die breite gesellschaftliche Unterstützung für sie in dieser Auseinandersetzung ausblieb, machte und macht dem Zentralrat und den fast 100 000 Juden in den Gemeinden schwer zu schaffen. Sie fühlen sich gerade auch von der Politik allein gelassen.

Auch deshalb wollte der Zentralrat im Streit mit der FDP-Führung auf keinen Fall klein beigeben. Immer wieder wurde intern darüber diskutiert, wie man auf die Attacken reagieren sollte. Eher schweigend darüber hinweggehen oder Wehrhaftigkeit demonstrieren? Spiegel, Friedman und Knobloch entschieden sich für: Wenn uns einer hart angeht, beziehen wir als selbstbewusste Minderheit klar und öffentlich Position – nach dem Motto:bloß nicht unterkriegen lassen.

Womöglich wird es in Zukunft dem Zentralrat noch leichter fallen, Selbstbewusstsein zu zeigen. Vor kurzem kündigte der Bundeskanzler einen Staatsvertrag an. Er soll, ähnlich dem mit der evangelischen Kirche, die Beziehungen zwischen Bund und Zentralrat auf eine rechtliche Grundlage stellen.Spiegel spricht von einem „Riesenerfolg“. Die jüdische Gemeinschaft werde so als wichtiger Teil der deutschen Gesellschaft anerkannt. Zudem würde ein solches Abkommen die Arbeit des Zentralrats finanziell absichern. Beides zusammen sei eine gute Grundlage für die kommenden Jahre, findet Spiegel. Eine, die Mut mache für harte Zeiten.

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