Politik : Drei Mal 1. Mai

Den Tag der Arbeit nutzten in Frankreich alle politischen Lager zur Eigenwerbung.

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Einen so politischen 1. Mai hat Frankreich schon lange nicht mehr erlebt. Während tausende Franzosen von Lille bis Marseille den Aufrufen der Gewerkschaften folgten und gegen Sparpläne und für mehr Wachstum demonstrierten, setzten Nicolas Sarkozy und Francois Hollande ihre eigenen Akzente: der Präsident mit einer Massenkundgebung am Trocadéro in Paris und sein Herausforderer mit einem stillen Gedenken am Grab des früheren sozialistischen Premierministers Pierre Bérégovoy. Zuvor hatte Marine Le Pen, die Chefin der rechtspopulistischen Nationalen Front, bei der traditionellen Jeanne-d’Arc-Feier ihrer Partei am Opernplatz Sarkozy wie Hollande eine Absage erteilt. Sie will es ihren Wählern überlassen, ob und wie sie bei der Stichwahl am kommenden Sonntag stimmen werden. Sie selbst werde aus Protest einen weißen Stimmzettel abgeben, sagte sie.

In Paris hatte sich einem Aufruf der fünf großen Arbeitnehmerorganisationen folgend bis Mittag eine unübersehbare Menschenmenge unter einem Meer von Spruchbändern, Gewerkschaftsbannern und roten Fahnen der Linksfront des ausgeschiedenen Präsidentschaftskandidaten Jean-Luc Mélenchon eingefunden. Anders als die übrigen Gewerkschaftsführer hatte Bernard Thibault von der früher kommunistischen CGT am Morgen noch einmal seine Forderung bekräftigt, Sarkozy abzuwählen.

Sarkozy hatte zu einem „Fest der wahren Arbeit“ aufgerufen, das nach Bedenken des eigenen Premierministers in einen Aufruf zu einem „wahren Fest der Arbeit“ abgewandelt wurde. Bei seinem Auftritt vor einer von der Regierungspartei UMP auf 200 000 geschätzten Menschenmenge am Trocadéro hielt Sarkozy aber an seiner Kritik an den Arbeitnehmerorganisationen fest. Sie sollten „die roten Fahnen niederlegen und Frankreich dienen“, rief er und warnte davor, den Weg Griechenlands und Italiens einzuschlagen. Im übrigen lehnte es Sarkozy ab, den beim ersten Wahlgang auf dem fünften Platz gelandeten liberalen Politiker Francois Bayrou im Falle seiner Wiederwahl zum Ministerpräsidenten zu machen. Bayrou sei ehrenwert, vertrete aber eine Minderheit.

„Sarkozy spaltet die Franzosen“, sagte Martine Aubry, die Parteichefin der Sozialisten, die sich wie die übrigen Führer ihrer Partei am Ende des Protestmarschs eingereiht hatte. Sie wollten damit zeigen, dass sie den Tag der Arbeit nicht politisch instrumentalisieren wollten. Hollande hatte sich den Pariser Kundgebungen ganz ferngehalten und war nach Nevers (Burgund) zur Zeremonie am Grab des früheren Premiers Bérégovoy gereist. Bérégovoy war vom Arbeiter und Gewerkschafter zum Politiker und Regierungschef aufgestiegen und zum Ende seiner Amtszeit in den Verdacht nie bewiesener Unredlichkeiten geraten.

Bei seiner Ankunft in der Stadt, in der sich Bérégovoy am 1. Mai 1993 das Leben genommen hatte, wurde Hollande von einer Menschenmenge erwartet. Er wolle am 1. Mai alle Gewerkschafter ehren, die die Rechte der Arbeiter verteidigen, sagte Hollande. Dieser Tag dürfe nicht zum Kampf gegen die Gewerkschaften dienen.

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