Drei Tote bei Krawallen : Griechenland: Entsetzen ohne Erkenntnis

Der Schock über den Tod dreier Menschen erreicht weder die griechischen Politiker noch die griechischen Gewalttäter.

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Am Mittwochmorgen fuhren keine Busse und Bahnen in Athen. Die Gewerkschaften hatten zum Generalstreik aufgerufen. Aber Angeliki Papathanassopoulou wollte nicht streiken. Und obwohl es keine öffentlichen Verkehrsmittel gab, kam sie pünktlich zur Arbeit in der Marfin-Egnatia-Bank an der Stadiou-Straße. Die 32-Jährige arbeitete als Kreditberaterin. Sie war im vierten Monat schwanger. Um kurz nach 14 Uhr wird Angeliki Papathanassopoulou wohl durch das Klirren der berstenden Schaufensterscheibe im Erdgeschoss und die aufgeregten Rufe ihrer Kollegen alarmiert worden sein: „Raus, schnell raus hier!“ Drei vermummte Jugendliche, so werden Augenzeugen später berichten, haben mit einem Vorschlaghammer das Fenster der Bankfiliale zertrümmert und mehrere Brandflaschen in den Kassenraum geworfen.

Die Angestellten versuchen verzweifelt, die Flammen mit Feuerlöschern zu ersticken, aber sie haben keine Chance gegen das lodernde Benzin. Wahrscheinlich ist der Rauch sehr schnell durchs Treppenhaus heraufgestiegen in das Büro von Angeliki Papathanassopoulou. Sie hat es bis zur Balkontür geschafft, hat sie noch öffnen können. Aber dann wurde sie von dem Rauch und den giftigen Gasen überwältigt. Das letzte Foto, das es von der jungen Frau gibt, aufgenommen von einem Pressefotografen von einem gegenüberliegenden Gebäude, ist am Donnerstag in allen griechischen Zeitungen: ein zusammengekrümmter Körper, der in der halb geöffneten Balkontür am Boden liegt. Mit Angeliki Papathanassopoulou starben eine junge Frau und ein Mann in der brennenden Bank.

Der Tag danach. Gehen die Griechen jetzt zu Zehntausenden auf die Straße, um ihre Betroffenheit zu zeigen und ein Zeichen gegen die Gewalt zu setzen? Nein. Gewiss, es wird wieder demonstriert: Der kommunistische Gewerkschaftsbund hat zu einer neuen Kundgebung am Omoniaplatz aufgerufen – aber nicht gegen die Chaoten, sondern gegen die Regierung und ihr Sparprogramm. Griechenland stehe „am Rand des Abgrunds“, warnt Staatspräsident Karolos Papoulias. Müsste dann jetzt nicht ein Ruck durch die Gesellschaft gehen? Davon ist bisher nichts zu spüren – auch wenn die Athener Tageszeitungen mit Schlagzeilen erschienen wie „Zorn und Beunruhigung nach dem Verbrechen“, „Der Abgrund und die Verantwortung“ oder „Die dreifache Tragödie lähmt das Land“.

Die Medien äußern Entsetzen. Aber wirklich überrascht kann niemand sein. Schon im Dezember 2008 zogen Chaoten Nacht für Nacht brandschatzend durch Athen, ließen Banken in Flammen aufgehen und fackelten Autos ab. Es war ein Wunder, dass es damals keine Opfer gab. Irgendwann flauten die Krawalle ab, und Griechenland ging zur Tagesordnung über. Lehren zog man nicht aus den Unruhen. Jetzt rächt sich, dass Politiker und Medien über Jahre hinweg die Gewalt verharmlosten. Wie wenige Länder Europas hat Griechenland seit dem Ende der Obristendiktatur unter der Geißel des Terrorismus gelitten. Aber anders als in Italien, Spanien oder Nordirland hat es hier nie eine Massendemonstration gegen den Terrorismus gegeben.

In einigen griechischen Medien ist eine unterschwellige Sympathie für den ideologisch verbrämten Terror linksextremer Gruppen festzustellen. Die größte Tageszeitung, die linksgerichtete „Ta Nea“, ging sogar so weit, den wegen vielfachen Mordes zu 13 lebenslangen Haftstrafen verurteilten Chefkiller der Terrororganisation 17. November, Dimitris Koufodinas, aus seiner Zelle als Kolumnisten zu beschäftigen.

Haben Politiker und Polizei zu lange auf Deeskalation gesetzt und damit den Chaoten das Feld überlassen? Geht jetzt die Saat der Gewalt auf? Diese Fragen drängen sich auf angesichts der Bilder, die aus Athen um die Welt gingen: der nur knapp zurückgeschlagene Ansturm vermummter Gewalttäter auf das Athener Parlamentsgebäude, die brennenden Geschäfte, die Tote auf dem Balkon. Jetzt sei die „Stunde der Verantwortung für alle politischen Parteien“ gekommen, schrieb die Wirtschaftszeitung „Imerisia“. Und „Ta Nea“ mahnt die Griechen zur Geschlossenheit, denn „es geht um das Überleben der Nation“.

Von Geschlossenheit sind allerdings zumindest die griechischen Politiker weiter entfernt denn je. Der Konsens der Parteien reichte gerade mal für eine gemeinsame Schweigeminute, mit der das Parlament am Mittwoch der drei Opfer gedachte. Gleich danach zankten sie schon wieder weiter über das Sparprogramm und die Abstimmungsmodalitäten. 172 Abgeordnete stimmten schließlich am frühen Abend für die Sparpläne – bei 121 Nein-Stimmen und drei Enthaltungen. Rund 5000 Menschen versammelten sich derweil vor dem Parlament, die Demonstranten rollten zum Zeichen der Trauer über die drei Toten bei den Protesten vom Vortag ein langes schwarzes Band aus. Nach rund drei Stunden löste die Polizei die Demonstration unter Einsatz von Tränengas und Schlagstöcken auf.

Die Schuldenkrise droht zu einer Krise des politischen Systems zu werden. Die sozialistische Regierung steht mit dem Rücken zur Wand. Wenn Premier Papandreou sein Sparprogramm nicht durchsetzt, gibt es keine Hilfskredite. Dann kann der Finanzminister schon im Juni keine Gehälter und Renten mehr zahlen – Staatsbankrott. Dem ist das Land seit Mittwoch wieder einen Schritt näher gekommen, denn die Bilder von den Ausschreitungen wecken neue Zweifel daran, ob Politik und Gesellschaft das Sparpaket überhaupt schultern können. Während Papandreou um das tief erschütterte Vertrauen der europäischen Partner und der Finanzmärkte kämpft, verfolgen die Oppositionsparteien ihre eigene, egoistische Agenda. Der konservative Oppositionschef Antonis Samaras, der als Minister der im Oktober abgewählten Vorgängerregierung Mitverantwortung für das Finanzdesaster trägt, drückt sich. Er plädierte gegen das Sparpaket – und meint so sagen zu können, er sei unschuldig, wenn etwas schiefgeht. Die Regierung habe nicht früh genug gehandelt, lautet sein Vorwurf. Das hört sich an, als werfe ein Brandstifter der Feuerwehr vor, sie sei zu spät gekommen.

Von den oppositionellen Kommunisten kann Papandreou keine Unterstützung erwarten. Sie arbeiten an einer Eskalation der Krise, denn erst wenn die bestehende politische und gesellschaftliche Ordnung zusammenbricht, öffnet sich der Weg zur Diktatur des Proletariats. Damit könnte das bisher als „Wiege der Demokratie“ bekannte Griechenland neu in die Weltgeschichte eingehen, hofft die griechische KP-Generalsekretärin Aleka Papariga. Die schweigende Mehrheit der Griechen, die nie eine Chance hatte, sich durch Steuerhinterziehung zu bereichern, sieht all dem mit wachsender Verunsicherung, mit Angst zu – Angst um die Zukunft des Landes und der Kinder, um die Arbeitsplätze, um die Ersparnisse.

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