Politik : Dresden: Der Nobody ist perfekt

Ralf Hübner

Die stärkste Partei ist nicht der Sieger. Zwar gewann die Sachsen-CDU im Mai und Juni 171 Bürgermeisterwahlen und bei Landratswahlen in 14 von 18 Kreisen. Eine Niederlage aber musste die Partei am Sonntag in Dresden einstecken. Hier siegte der von einem Parteienbündnis unterstützte Ingolf Roßberg (FDP). Nach dem vorläufigen Endergebnis kam Roßberg auf 47,02 Prozent der Stimmen, der bisherige CDU-Amtsinhaber Herbert Wagner auf 39,99 Prozent. Der letzte Dresdner SED-Oberbürgermeister Wolfgang Berghofer (parteilos) erhielt 12,2 Prozent.

Der Verdruss der Dresdner muss groß gewesen sein. Nicht nur, dass sie ihrem Oberbürgermeister Wagner nach elf Jahren Amtszeit kurzerhand den Stuhl vor die Rathaustür stellten. Die Dresdner entschieden sich mit dem 41-jährigen Roßberg für einen politischen Nobody. Noch vor Wochen schien kaum jemand ernsthaft an seinen Wahlerfolg zu glauben. Den fulminanten Sieg verdankt Roßberg eigentlich der Schwäche der Dresdner Parteien abseits der CDU. Deren Oberbürgermeister Wagner war 1990 vor allem deshalb ins Amt gekommen, weil er 1989, in der Zeit des Umbruchs in der DDR, an der Spitze der Bürgerbewegung in Dresden stand. Doch Wagner galt als schwacher Oberbürgermeister, der sich zwischen Verwaltung und Stadtrat zerrieb. Gleichwohl vermochte es die Opposition nicht, der CDU die vermeintlich leichte Beute Dresden zu entreißen. Deshalb hatten sich die Dresdner Parteien schon im vergangenen Jahr darauf verständigt, diesmal mit einem gemeinsamen Kandidaten Wagner das Feld streitig machen zu wollen. Eine Bürgerinitiative nahm die Sache in die Hand und verständigte sich auf Roßberg. Der sagte zu - und überfuhr damit die eigene Partei, denn die FDP ist im Rathaus mit der CDU-Mehrheit in einer Koalition verbunden. Nach und nach gelang es aber, sämtliche Parteien hinter Roßberg zu sammeln. Am Schluss schlug sich auch die PDS auf seine Seite, die lange auf Wolfgang Berghofer gesetzt hatte. Wagner blieb auf sich allein gestellt.

Im Wahlkampf fiel Roßberg vor allem durch sein jugendlich forsches Auftreten auf, mit dem er sich vom eher bedächtig agierenden Amtsinhaber absetzte. Versprechungen jedweder Art gingen ihm locker über die Lippen. Den Stadthaushalt will er konsolidieren - vollmundig kündigt er einen Kassensturz an - und gleichzeitig Schulen sanieren, neue Kindertagesstätten eröffen, eine neue Philharmonie bauen und den Sport fördern. Nun wird er das Kunststück fertig bringen müssen, eingeklemmt zwischen der Opposition, die ihm zum Wahlsieg verholfen hat, und der bürgerlichen Mehrheit seine Politik durchzusetzen.

» Mehr Politik? Jetzt Tagesspiegel lesen!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben