Politik : Dresden: Er kam, sah und siegte noch nicht

Ralf Hübner

Richtigen Optimismus strahlt Wolfgang Berghofer, Dresdens letzter Ex-SED-Oberbürgermeister, nicht aus. Den Kopf auf beide Hände gestützt, blickt er beim Aufeinandertreffen der Oberbürgermeisterkandidaten vom Podium in den fast vollen Saal. Über mangelnden Beifall kann er zwar nicht klagen. Dennoch bleibt die Stimmung im Dresdner Ufa-Filmpalast verhalten. Das ist kein Kommen, Sehen, Siegen, kein Durchmarsch in das Dresdner Rathaus. Immer wieder muss Berghofer sich erklären, muss sagen, warum er erst im zweiten Wahlgang seine Kandidatur für die Dresdner Oberbürgermeisterwahlen angemeldet hat. Seine Chancen, am heutigen Sonntag den Wahlsieg davonzutragen, bleiben ungewiss.

Eines aber hat Berghofer auf Anhieb erreicht: Das Interesse der Dresdner an den Wahlen für einen neuen Oberbürgermeister ist sprunghaft gestiegen. Sollte dies eine höhere Wahlbeteiligung zur Folge haben, sind es vor allem die CDU und Amtsinhaber Herbert Wagner (CDU), die glauben, davon zu profitieren. Im ersten Wahlgang vor zwei Wochen haben nur 48 Prozent der Dresdner den Weg in das Wahllokal gefunden. Wagners Wahlstrategen wollen herausgefunden haben, dass verglichen mit den Wahlen 1994 rund 35 000 Wähler des konservativen Lagers der Abstimmung ferngeblieben sind. In einer aufwändigen Kampagne wurde in den vergangenen zwei Wochen versucht, diese Wähler zu mobilisieren. Briefe wurden versandt und nun will eine Bürgerbewegung unbedingt ihren "Herbert" im Rathaus. Auf der Prager Straße tobt Dauerwahlkampf. Fast schien es, als sei die Wahlkampfmaschine des Oberbürgermeisters erst jetzt richtig auf Touren gekommen. Die Annahme, der Wahlsieg könne gleichsam im Spaziergang eingefahren werden, hatte sich als Trugschluss erwiesen.

Bei der öffentlichen Diskussion im Kinosaal hat Wagner den schwersten Stand. Sachlich versucht er zu erklären, warum die Mittel für die freien Träger der Jugendarbeit zurückgefahren werden mussten, warum es so lange gedauert hat und noch dauern wird, ehe Kindergärten und Schulen saniert sind. Mit Versprechungen muss er sich zurückhalten, anders als sein jugendlicher Herausforderer, der 41-jährige Ingolf Roßberg (FDP), hinter dem ein buntes Parteiensprektrum von Bündnisgrünen und PDS bis zu SPD und FDP steht. Roßberg verspricht allen alles, und das mit spielerischer Leichtigkeit. Den Stadthaushalt will er konsolidieren und ganz nebenbei noch weitere Kindergärten eröffnen, Schulen sanieren, eine neue Philharmonie und ein neues Operettentheater bauen lassen, außerdem will er die Quoren für Bürgerbegehren senken.

Zwei Berge habe er noch vor sich, sagt Wagner, "Roßberg und Berghofer". Roßberg will sich den Wahlsieg, den er nach 47 Prozent im ersten Durchgang schon fest vor Augen hat, nicht mehr nehmen lassen. Da schüttelt er Hände wann immer sich eine Hand bietet, und seien es die von Gregor Gysi (PDS), Franz Müntefering (SPD) oder Claudia Pieper (FDP). Berghofer nennt Roßberg verächtlich den "Leiter einer Parteiholding". Wenn er auf die Angebote, die ihm gemacht wurden, eingegangen wäre, säße er jetzt auf dessen Stuhl. "Sie sind nur die zweite Wahl", sagt Berghofer, was Roßberg auf die Palme bringt. Briefe der Dresdner PDS-Bundestagsabgeordneten Christine Ostrowski wurden bekannt, in denen sie schon Ende vergangenen Jahres Berghofer zur Kandidatur in Dresden drängen wollte. "Sie sind der Beste", heißt es dort.

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