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Dresden : „Wir wissen, wer den Krieg begonnen hat“

Dresden hat am Freitag der Bombardierung der Stadt vor 70 Jahren gedacht. Bundespräsident Joachim Gauck hielt am Nachmittag eine Rede in der Frauenkirche und warnte vor einer Relativierung der Kriegsschuld.

Christine Keilholz
Bundespräsident Joachim Gauck am Freitag in der Frauenkirche in Dresden.
Bundespräsident Joachim Gauck am Freitag in der Frauenkirche in Dresden.Foto: dpa

An diesem 13. Februar haben sich keine braunen Horden auf Dresdens Straßen blicken lassen. Indes, die Rechtsextremen haben Anspruch auf Lufthoheit angemeldet. Vor strahlend blauem Himmel drehte am Mittag ein Flieger seine Kreise. Er zog ein Transparent, das mit der Parole „Wir gedenken!“ auf die Homepage des rechtsradikalen „Aktionsbündnisses gegen das Vergessen“ locken wollte.

70 Jahre nach dem Bombenhagel von 1945 strahlt der Himmel über Dresden. Auf dem Neumarkt vor der Frauenkirche, dem Dreh- und Angelpunkt des offiziellen Gedenkens, patrouillieren Polizisten im Sonnenschein.

Im Februar 1945, wenige Wochen vor Kriegsende, verloren in drei Bombennächten 25 000 Menschen ihr Leben. Weithin bekannte Symbolbauten wie Semperoper und die Frauenkirche erinnern an Nationalsozialismus, Krieg, Zerstörung und Wiederaufbau. Es ist ein breites Spektrum an Themen, die die sächsische Landeshauptstadt alle unterbringen will in ihrem Festprogramm. Oberbürgermeisterin Helma Orosz (CDU) betont, dass die Dresdner damals nicht nur Opfer, sondern auch Täter waren. Der 13. Februar erinnere daran, „dass aus den Ereignissen eine große Verantwortung für die Bürgerschaft entstanden“ sei. Es gehe um Versöhnung, Weltoffenheit und Toleranz – ebenjene Schlagwörter, mit denen Stadt und Freistaat seit Dezember dem Eindruck der Pegida-Demonstrationen entgegenwirken wollten. Orosz, die Ende 2014 ihren Rücktritt bekannt gegeben hatte, wollte ausdrücklich noch bis zum großen Tag im Amt bleiben.

"Niemals die Opfer deutscher Kriegsführung vergessen"

Auf den Plakaten, die stadtauf stadtab zur Teilnahme an der Menschenkette aufrufen, steht die Rathauschefin Hand in Hand mit den Bürgern, in Anorak und Stiefeln, mit ernstem Blick. Die Stadt steht im Kampf gegen die Rechtsextremen an vorderster Front, so die Botschaft. Denn Jahre lang hielten sich offizielle Stellen zurück, als es darum ging, Neonazis an diesem Tag nicht die Straße zu überlassen. 2005, zum 60. Jahrestag, war Dresdens Gedenktag endgültig zum braunen Festival geworden. 6500 Rechtsextreme marschierten damals durch die City. Sowas will die Stadt kein zweites Mal.

Deshalb kommt diesmal der Bundespräsident.

Den ganzen Tag über gedachten Menschen in der Frauenkirche der Bombardierung von Dresden vor 70 Jahren.
Den ganzen Tag über gedachten Menschen in der Frauenkirche der Bombardierung von Dresden vor 70 Jahren.Foto: AFP

In seiner Rede in der Frauenkirche hat Joachim Gauck vor einem Relativieren der deutschen Kriegsschuld und einer Instrumentalisierung der Opfer gewarnt. „Wir wissen, wer den mörderischen Krieg begonnen hat. Und deshalb wollen und werden wir niemals die Opfer deutscher Kriegsführung vergessen, wenn wir hier und heute der deutschen Opfer gedenken“, sagte er. Nirgends sei Leid so stark politisch instrumentalisiert worden wie in Dresden, sagte Gauck. Die Geschichtsverfälschung habe schon während der Nazi-Herrschaft begonnen, sich in der DDR fortgesetzt „und wird selbst heute noch von einigen Unverbesserlichen weitergeführt“. Trotz der von unabhängigen Historikern festgestellten Zahl von bis zu 25 000 Opfern würden weiter „höhere Opferzahlen behauptet, um alliierte Angriffe gegen nationalsozialistische Menschheitsverbrechen aufzurechnen, deutsche Schuld also zu relativieren“. (Die vollständige Rede des Bundespräsidenten lesen Sie hier im Wortlaut)

Oberbürgermeisterin Orosz sagte im Anschluss, Gedenken und Versöhnung hätten nur dann einen Wert, „wenn wir auch für das Hier und Heute eine klare Position beziehen“. In den vergangenen Wochen sei deutlich geworden, dass es in der Gesellschaft tiefe Gräben gebe, sagte sie mit Blick auf die Pegida-Demonstrationen. „Wenn wir vereint sind im Gedenken und im Schmerz über das, was vor über 70 Jahren auf der Welt, in Europa, in Deutschland und in Dresden geschehen ist, dann müssen wir auch vereint darin sein, die Gräben in unserem Land heute zu überwinden.“

Polizei setzt auf Deeskalierung

Vor dem Gedenkgottesdienst in der Frauenkirche erinnerten etwa 2000 Menschen an die Verbrechen der Nationalsozialisten in Dresden. Beim „Mahngang Täterspuren“ suchten Menschen in der Innenstadt Orte auf, die als Schauplätze für die NS-Herrschaft stehen.

Orosz und Gauck reihen sich am frühen Abend in die Menschenkette ein. Mit der Menschenkette hat die Dresdner CDU-Rathausspitze über die Jahre eine Gedenkform etabliert, die für gute Bilder sorgt: Reihen von Menschen, Hand in Hand vor der abendlich beleuchteten Altstadtkulisse.

Die Polizei ist bis Sonnabend mit zwölf Hundertschaften im Einsatz. Das ist wenig im Vergleich zu den vergangenen Jahren. 2014 waren es noch mehr als doppelt so viele. Sieben Hundertschaften steuert die sächsische Polizei bei, der Rest kommt aus Mecklenburg-Vorpommern, Niedersachsen, Sachsen-Anhalt und von der Bundespolizei. Um diesmal Kräfte zu sparen, schickt Kroll Kommunikationsteams los. Diese polizeilichen Schlichter stehen rund um den Neumarkt zu Gesprächen bereit.

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