Politik : Dritte Welt: Keine U-Bahn für Schanghai

Ulrike Scheffer

Not macht erfinderisch. Das wissen Entwicklungshelfer am besten. Ihre oberste Chefin, Entwicklungsministerin Heidemarie Wieczorek-Zeul (SPD), greift nun selbst zu ungewöhnlichen Methoden, um ihren angegriffenen Etat zu entlasten. Sie will künftig enger mit der deutschen Wirtschaft zusammenarbeiten, so genannte Public Private Partnerships (PPP) eingehen. Statt in Entwicklungsländern teure, staatliche Ausbildungszentren aufzubauen, sollen etwa Ausbildungsplätze in Betrieben deutscher Investoren gefördert werden. Schon seit 1999 können Unternehmen, die in Entwicklungsländer investieren, Zuschüsse beantragen oder die Dienste deutscher Entwicklungsexperten in Anspruch nehmen. Nun sei die Zeit reif für einen solchen Ansatz, sagt Wieczorek-Zeul. In diesem Jahr gibt sie 45 Millionen Mark für Kooperationsprojekte.

Obwohl in den letzten zwei Jahren durch die 500 bisher ins Leben gerufenen öffentlich-privaten Partnerschaften rund 1,3 Milliarden Mark aus der deutschen Wirtschaft in Entwicklungsländer geflossen sind, ist das neue Konzept keineswegs unumstritten. Altgediente Entwicklungshelfer wittern eine versteckte Form der Außenwirtschaftsförderung - wenn etwa der Armaturenhersteller Grohe 370 000 Mark Zuschuss erhält, um damit Qualitätsschulungen bei den Zulieferern seines Werkes in Thailand zu finanzieren. Gefördert würden nur Projekte, bei denen ein entwicklungspolitischer Nebeneffekt erkennbar sei, sagt die Ministerin. Die Investitionen müssten außerdem in das Gesamtkonzept der deutschen Entwicklungszusammenarbeit mit einem Land passen. "Eine U-Bahn für Schanghai wird es mit mir nicht geben", so Heidemarie Wieczorek-Zeul. Gute Zulieferbetriebe könnten ihre Position am Markt ausbauen und so neue, qualifizierte Arbeitsplätze schaffen.

Die Kritiker geraten in die Defensive. Angesichts sinkender Ausgaben für die Entwicklungshilfe und der Tatsache, dass noch immer rund die Hälfte der Menschen weltweit in Armut lebt, klammern sich nicht nur Politiker an private Initiativen. Eine gewisse Skepsis gebe es schon, doch "grundsätzlich stehen wir öffentlich-privaten Partnerschaften positiv gegenüber", heißt es etwa bei Venro, dem Dachverband entwicklungspolitischer Nichtregierungsorganisationen (NRO). Schon weil die Partnergruppen vieler Organisationen in den Entwicklungsländern auf ausländische Investoren bauten, könnten sich die deutschen NRO nicht widersetzen, sagt Venro-Geschäftsführerin Ulla Mikota. Ein weiterer Grund: Die Direktinvestitionen in Entwicklungsländern haben sich in den letzten Jahren vervielfacht.

Auf der Suche nach günstigen Produktionsstandorten zieht es auch immer mehrdeutsche Unternehmen in die so genannte Dritte Welt. Gleichzeitig achten die Verbraucher der reichen Ländern stärker darauf, unter welchen Bedingungen Produkte in Entwicklungsländern hergestellt werden. "Genau hier liegt eine große Chance für unsere neuen Projekte", sagt Albrecht Graf von Hardenberg von der Deutschen Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit (GTZ). Die Fachleute der bundeseigenen Entwicklungsagentur arbeiten daran, die Sozial- und Umweltstandards in indischen Zulieferbetrieben eines deutschen Schuhherstellers zu verbessern. Doch es bleibt ein Schönheitsfehler: Da private Investitionen beinah ausschließlich in Schwellenländer fließen - mit stabilen politischen Verhältnissen, einer guten Infrastruktur und verlässlichen rechtlichen Rahmenbedingungen -, bleiben die wirklich armen Länder ausschließlich auf staatliche Hilfe angewiesen.

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