Politik : Dritter Weg: Der Tony Blair der Mongolei (Kommentar)

Roger Boyes

Letzter Arbeitstag vor den großen Ferien. Gerhard Schröder sitzt auf gepackten Koffern - und versucht erst gar nicht, das zu verbergen. Ohne falsche Bescheidenheit - ohne überhaupt einen Anflug von Bescheidenheit - präsentierte er sein Zeugnis zum Ende der Politik-Saison. Ein wenig schlapp nach all den Mühen. Und etwas ungeduldig, als wollte er sagen: Meine Arbeit ist getan, kann ich jetzt in Urlaub gehen?

Das gute Zeugnis sparte die unangenehmen Fächer aus: den schlechten Start von Rot-Grün, seine kalkulierte Sabotage Oskar Lafontaines, den glücklichen Zeitpunkt der CDU-Spendenaffäre. Schröders Auftritt stand jedoch für eine neue Politik in Europa: Er ist jetzt die Galionsfigur des Dritten Wegs, nicht mehr Blair. Vor einem Jahr schien es, als bliebe nur die Wahl zwischen Blair und Jospin.

Jetzt kann Blair von Schröder lernen: Erstens, dass man einen kompetenten Finanzminister braucht, der politisch keine Gefahr ist. Der Kern des Dritten Wegs ist die richtige Balance zwischen Staat und Markt. Kein Regierungschef des Dritten Wegs kann einen Finanzminister verkraften, der gegen ihn arbeitet. Blair sollte sich von Gordon Brown befreien - so wie Schröder von Lafontaine. Blair kann Brown zum Außenminister machen.

Moderne Führer, egal welcher Couleur, brauchen, zweitens, einen besseren Instinkt als früher. Meinungsumfragen können die richtige Nase nicht ersetzen. Blair hat dieses Gespür verloren, wie sich in Tübingen herausstellte. Mitten in seiner Rede über die Globalisierung forderte er standrechtliche Geldstrafen für Hooligans und Betrunkene: am besten in Handschellen zum nächsten Geldautomaten und abkassieren. Wo bleiben da die Bürgerrechte, der Anspruch auf ein faires Verfahren? Das deutsche Publikum war zu Recht verblüfft und schockiert. Drei Tage später nannte auch die britische Polizei den Vorschlag absurd. Man vergleiche Blairs Pseudo-Initiative mit Schröders Green-Card: Schröder hat Vorurteile ins Wanken gebracht, Blair erntete - Hohn.

Der Dritte Weg darf nicht zum Dogma werden - das wurde dem Schröder-Blair-Papier zum Verhängnis. Die Sozialdemokraten jeden Landes müssen ihren praktischen Weg aus der Krise finden, in die sie die Erosion des Sozialstaats und der Niedergang der Arbeiterklasse und ihrer Wertvorstellungen gestürzt hat. Nirgendwo wünschen die Genossen Ratschläge aus London oder Berlin. Nur in Ulan Bator gilt der Brite noch als Vorbild. Der neue Regierungschef bezeichnet sich als Tony Blair der Mongolei - was nur beweist, dass es auch in Zeiten der Globalisierung eine Weile dauert, bis Nachrichten überall ankommen.

Der wahre Maßstab für den Erfolg des Dritten Wegs ist die Wahl des Urlaubsortes. Bill Clinton hatte das als Erster begriffen. Sein Berater Dick Morris betrieb ausführliche Meinungsforschung, bis er den Familien-Ferien-Ort gefunden hatte, der den höchsten Popularitätsgewinn versprach. Blair leiht sich Ferien-Villen von reichen Freunden. Wäre er sensibler, würde er verstehen, dass der Dritte Weg Transparenz auch im Urlaub verlangt - korrekte Bezahlung, keine Trennung von den Otto-Normal-Urlaubern. Da ist Schröder wieder Vorbild: Der Mann der neuen Mitte wählte erst Positano mit Pizza und Bier - und nun Mallorca mit Paella und Sangria. Schröder versteht das Spiel, Blair nicht. Wollen die Deutschen da noch tauschen?

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