Politik : Droge Nikotin: Kindersicherung

Lars Von Törne,Rainer Woratschka

Beim Alkohol ist alles klar. Da sorgt sich der Staat um seine Jugendlichen und macht all denen Ärger, die Minderjährigen Hochprozentiges verkaufen. Zum Thema Tabak hingegen finde sich fast nichts im Jugendschutzgesetz, ärgert sich Raphael Gaßmann von der Deutschen Hauptstelle gegen die Suchtgefahren (DHS). Öffentliches Rauchen sei Kindern und Jugendlichen zwar nicht gestattet. "Doch es ist legal, einem Siebenjährigen im Supermarkt Zigaretten zu verkaufen." Und das, so der stellvertretende DHS-Geschäftsführer, "geht einfach nicht".

Inzwischen sieht es so aus, als ob das auch die Politik begriffen hat. Voraussichtlich noch in dieser Legislaturperiode soll die Abgabe von Nikotin an Kinder und Jugendliche unter 16 Jahren per Gesetz verboten werden. Das kündigte die Drogenbeauftragte der Bundesregierung, Christa Nickels, im Gespräch mit dem Tagesspiegel an. Die Gleichbehandlung von Alkohol und Tabak sei "lange überfällig" und stoße quer durch die Fraktionen auf breiten Konsens.

Auch das Problem der unkontrollierten Abgabe über Zigarettenautomaten ist offenbar gelöst. Im Grunde, so die Grünen-Politikerin, gebe es "ja nur zwei Möglichkeiten: Alle Automaten zu verbieten oder sie kinder- und jugendsicher zu machen". Angesichts der ohnehin nötigen Umrüstung auf den Euro habe sich die Tabakautomatenindustrie "sehr kooperativ" gezeigt und Automaten entwickelt, die ihre Zigaretten nur noch gegen EC-Card herausgeben. Mit dem Verbot seien zwar nicht alle Probleme beseitigt, doch es handle sich um einen wichtigen "Baustein im Kinder- und Jugendschutz".

Zigaretten - Einstiegsdroge Nummer eins

Auch für den Drogenexperten Gaßmann ist ein das Verbot überfällig. Glimmstengel, so argumentiert er, seien "die Einstiegsdroge schlechthin". Schätzungen zufolge greift in Deutschland bereits jedes hundertste Kind im Alter von zehn Jahren zur Zigarette. Für Gesamteuropa ermittelte der Krebssachverständigenrat der EU unter 14-Jährigen eine Raucherquote von 30 bis 33 Prozent. Und was den DHS-Referenten besonders beunruhigt: "Es gibt kaum einen Drogenabhängigen, der vorher nicht geraucht hat." Drogenpolitik müsse sich folglich weit stärker als bisher um den Tabakkonsum kümmern. Dass dies bislang kaum geschah, führt Gaßmann auf den Druck der Zigarettenindustrie zurück. "Die Tabaklobby war offensichtlich stärker als die Alkohollobby." Hinzu komme wohl, "dass betrunkene Kinder auf der Straße wesentlich mehr Anstoß erregen als rauchende Kinder". Doch gemessen an den Todesfällen sei Alkohol nicht gefährlicher als Zigaretten. Laut DHS-Statistik starben hierzulande im vergangenen Jahr 42 000 Menschen an den Folgen des Alkoholkonsums. Das Rauchen kostete mehr als 100 000 Menschen das Leben.

Insofern ist Nickels Vorstoß für Gaßmann nur "ein erster Schritt". Am Ende müsse ein komplettes Verbot des Automaten-Verkaufs stehen. 800 000 Zigarettenautomaten gibt es derzeit in Deutschland. Gemessen an der Bevölkerungszahl weit mehr als in jedem anderen Land Europas, sagt Christa Nickels. Doch den Suchtexperten zufolge befinden sich die Betreiber bereits im Rückzugsgefecht. Gaßmann: "In 20 Jahren gibt es auch bei uns keine Zigaretten-Automaten mehr."

Mit Chipkarte dem Verbot zuvorkommen

Vorerst freilich hofft die Industrie, dass das Thema mit dem technischen Umbau vom Tisch ist. "Wir haben bereits die Hälfte aller Außenautomaten so umgerüstet, dass sie theoretisch auch mit Chipkarte bedient werden können", sagt Thomas Pogodda, technischer Leiter der Berliner Firma Tobaccoland. Das Unternehmen betreibt nach seinen Angaben rund 20 000 Zigarettenautomaten in der Haupstadt. Und künftig werde jede neu aufgestellte Maschine gleich mit der neuen Technik ausgerüstet, die neben Münzgeld auch die Eurocheque-Karte als Zahlungsmittel akzeptiert. Ganz freiwillig geht die Industrie diese Schritte allerdings nicht. "Dahinter steht natürlich auch die Angst, dass Zigarettenautomaten eines Tages vielleicht ganz verboten werden, wenn wir uns nicht rechtzeitig auf die neue Lage einstellen", sagt Pogodda.

Die großen Tabakkonzerne stellen sich derweil demonstrativ hinter den Plan der Bundesregierung, die Abgabe von Nikotin an Jugendliche zu verbieten - auch wenn ihnen dadurch möglicherweise Tausende Kunden verloren gehen. "Wir unterstützen alles, was darauf hinausläuft, unter 18-Jährige vom Rauchen abzuhalten", sagt Ralf Leinweber, Sprecher des Reynolds-Konzerns ("Camel"). So fördere man zum Beispiel Präventionsprogramme gegen das Rauchen an Schulen. Der Vorwurf, dass das Unternehmen dennoch mit seinen betont jugendlichen Kampagnen Kunden unter 18 Jahren erreichen wolle, ist für Leinweber "völliger Blödsinn". Zwar suche das Unternehmen in der Tat nach neuen Zielgruppen - "aber nicht unter Jugendlichen". Auch Hermann Waldemer, Geschäftsführer von Philip Morris ("Marlboro"), lobt ein Abgabeverbot für Jugendliche als richtigen Schritt. Parallel dazu solle aber durch Aufklärungskampagnen bei den Jugendlichen auch ein verändertes Bewusstsein gefördert werden: "Man muss ihnen vermitteln, dass man auch cool sein kann, ohne zu rauchen." Das dürfte der schwierigste Schritt in dieser Angelegenheit sein.

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