Politik : Drogen: Europa muss mit einer Heroin-Flut rechnen

Gabriele Venzky

Europäische Drogenbekämpfer rechnen in nächster Zeit mit einer Heroin-Flut. Grund für diese Befürchtung ist der massive Preiseinbruch bei Rohopium aus Afghanistan. Denn offensichtlich sind sowohl die Bauern wie kriminelle Banden in Afghanistan dabei, vor möglichen Angriffen der USA schnellstens ihre Bestände zu verkaufen. Seit dem 11. September ist der Preis für Opium in Afghanistan um 80 Prozent gefallen. "Bauern, die fliehen wollen oder Leute, die auf gehorteten Vorräten sitzen, machen ihre Bestände zu Geld, um das an einen sicheren Ort zu bringen", vermutet das Drogenkontrollbüro der Vereinten Nationen in Wien.

Im vergangenen Jahr hatten die Taliban verkündet, sie würden auf den Exportschlager verzichten und den Anbau von Schlafmohn verbieten. Aus dem Mohnsamen wird Rohopium hergestellt, das in Laboratorien, die sich entlang der afghanischen Grenzen wie Perlenschnüre hinziehen (vor allem in Pakistan, Tadschikistan und Iran), zu Morphinbase destilliert wird. Das offizielle Anbauverbot, das das Image der Taliban aufpolieren sollte, war jedoch nur Verschleierungstaktik. Schließlich versuchten die Taliban damit vor allem die Preise nach oben zu treiben, weil sie auf Vorräten von fast 3000 Tonnen saßen. Vor dem Verbot bekam ein afghanischer Opiumbauer etwa 30 Dollar für ein Kilo Rohopium, doch dann stieg der Preis bis auf 700 Dollar - und damit der Verdienst der Taliban. Ihre Einnahmen aus dem Drogenhandel werden auf bis zu 60 Millionen Dollar geschätzt. Im Dunstkreis der tadschikischen und pakistanischen Laboratorien kostet ein Kilo Heroin rund 10 000 Dollar, in Europa, dem Hauptmarkt für afghanisches Heroin, das Zehnfache. Entlang der Schmuggelrouten leben die meisten Drogenabhängigen der Welt, allein in Pakistan sind es 1,5 Millionen.

Afghanistan ist mit rund 3000 Tonnen im Jahr der größte Opiumproduzent der Welt. Marion Caspers-Merk, die Drogenbeauftragte der Bundesregierung, fordert deshalb, den Kampf gegen den Terrorismus mit Anstrengungen zur Bekämpfung des Rauschgiftanbaus und Drogenkonsums zu kombinieren. Denn überall auf der Welt besteht eine enge Verknüpfung zwischen Terror-Organisationen und Drogenhandel. Der britische Premier Tony Blair sagte es ganz offen: "Die Waffen, die die Taliban heute kaufen, werden mit den Leben junger Menschen bezahlt, die auf unseren Straßen ihre Drogen kaufen. Wir müssen uns vornehmen, auch diesen Teil ihrer Herrschaft zu zerstören."

» Mehr Politik? Jetzt Tagesspiegel lesen!

0 Kommentare

Neuester Kommentar