Politik : Drogenpolitik: Letzte Hilfe

Jost Müller-Neuhof

Die Menschen sterben meist unbemerkt und unter erbärmlichen Umständen. 1991 waren es mehr als je zuvor, über 2000. In diesem Jahr könnten es wieder so viele oder sogar mehr werden. Es gibt keinen signifikanten Anstieg, doch ist klar: Das Problem der Drogentoten bleibt. Die Zahl der Todesfälle zu verringern ist eines der Ziele, die mit dem ersten "Heroinmodell" in Deutschland erreicht werden sollen. Es soll durch kontrollierte Abgabe der härtesten Droge vor allem schwerst süchtigen Menschen den Alltag erleichtern, ihnen den Druck der täglichen Beschaffung nehmen. Am Mittwoch wurde unter der Federführung des Bundesgesundheitsministeriums eine entsprechende Vereinbarung unterzeichnet.

Um das Projekt ist lange gerungen worden. Jetzt haben Niedersachsen, Hamburg, Nordrhein-Westfalen und Hessen zugestimmt. Auch einzelne Städte sind dabei, Bonn, Frankfurt, Hannover, Karlsruhe, Köln und München. Berlin stand lange auf der Liste, hat sich aber noch unter der alten Regierung dagegen entschieden. Stoff vom Staat - dem früheren Innensenator Eckart Werthebach roch das Vorhaben zu streng nach permissiver Drogenpolitik. Grafik: Rauschgifttote in Deutschland Dieses Tabu wird im Februar nächsten Jahres gebrochen. Bis dahin werden 1120 geeignete Probanden gesucht. Sie müssen mindestens 23 Jahre alt und seit fünf Jahren opiatabhängig sein. Gesucht wird nicht, wer mit seiner Sucht leben, wer sie sich leisten kann. Gesucht werden die Kranken, mit psychischen und physischen Auffälligkeiten. Menschen, die "alle sozialen, beruflichen und seelischen Perspektiven verloren haben", wie die Bundes-Drogenbeauftragte, Marion Caspers-Merk, zum Projekt sagte.

Das Vorhaben geht von etwa 120 000 Menschen aus, die in der Bundesrepublik regelmäßig Heroin konsumieren. Rund 40 Prozent davon seien in Behandlung, vor allem mit den Ersatzstoffen Methadon und Codein, zehn Prozent im richtigen Entzug. Die verbleibende Hälfte nennt die Studie die "nicht Erreichbaren". Ihnen soll mit der Heroinabgabe geholfen werden. Die Hälfte der Probanden bekommt ab Februar bis zu drei Mal täglich maximal 400 Milligramm Heroin, für die Nacht ist eine Dosis Methadon vorgesehen. Die andere Hälfte, die so genannte Kontrollgruppe, bleibt bei Methadon. Therapien und Gespräche sollen die Behandlung begleiten. Die klinische Studie dauert zwei Jahre. Verläuft sie erfolgreich, zeigt sich also eine Überlegenheit der Heroinabgabe gegenüber der konventionellen Substitutionstherapie, können die Probanden auch danach Heroin bekommen.

Als Vorbild gilt die Schweiz. Dort läuft ein ähnliches Experiment. Die Kriminalität habe deutlich abgenommen, die Lebensumstände der Abhängigen hätten sich deutlich gebessert, meldet das Gesundheitsamt. "Aber wir interpretieren die Ergebnisse anders", sagt Christoph Spindler vom bayerischen Gesundheitsministerium. Heroin vom Staat sei "kein Weg aus der Sucht". Ob dies stimmt, kann die Münchner Staatskanzlei bald vor ihrer Tür studieren.

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