Drogenschmuggler : Briten empört über Hinrichtung in China

Trotz aller Gnadenappelle ist ein britischer Drogenschmuggler in China hingerichtet worden. Der 53-Jährige ist der erste Europäer seit fünf Jahrzehnten, an dem in China die Todesstrafe vollstreckt wurde. China weist alle Kritik zurück und verweist auf die eigene Souveränität.

Matthias Thibaut[London]
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In China hingerichtet: Der britische Staatsbürger Akmal Shaikh.Foto: Reprieve/AFP

In London hat die Hinrichtung des 53-jährigen britischen Staatsbürgers Akmal Shaikh durch die Volksrepublik China Empörung ausgelöst. Premier Gordon Brown nahm kein diplomatisches Blatt vor den Mund: „Ich verurteile die Hinrichtung von Akmal Shaikh aufs Schärfste und bin entsetzt und enttäuscht, dass unsere hartnäckig vorgetragenen Gnadenappelle kein Gehör gefunden haben.“

Nach Angaben der Britischen Menschenrechtsorganisation Reprieve wurde Akmal Shaikh um 10.30 Uhr in Ürümqi, der Hauptstadt der Provinz Xinjiang durch eine Giftspritze hingerichtet. Dort war er im Oktober 2008 vom Volksgericht in einem Schnellverfahren, das eine halbe Stunde dauerte, wegen Drogenschmuggels zum Tode verurteilt worden. Am Montag war die Vollstreckung des Todesurteils vom obersten chinesischen Gerichtshof bestätigt worden.

Akmal Shaikh ist der erste Bürger eines europäischen Landes, der seit 50 Jahren in China hingerichtet wurde. Sein Fall hat die Gemüter besonders aufgewühlt, weil er an der „Bipolar-Krankheit“ leidet, einer manischen Depression mit schizophrenen Zuständen. Westliche Menschenrechtsorganisationen bezweifeln, dass er im Sinne des Strafrechts zurechnungsfähig war. „Dass so etwas in unserem modernen Zeitalter passieren kann, sollte uns alle zutiefst alarmieren“, sagte Reprieve-Sprecherin Katherine O''Shea. Der Sprecher der Bipolar-Organisation MDF sprach von einem „mittelalterlichen Akt“.

Großbritannien hatte den Fall Shaikhs in den vergangenen zwei Jahren 27 Mal mit höchsten chinesischen Regierungskreisen zur Sprache gebracht, auch Brown bei mehreren Begegnungen mit dem chinesischen Premier Wen Jiabao, zuletzt beim Klimagipfel in Kopenhagen. Brown schrieb auch persönlich an den Präsidenten Hu Jintao. Noch am Montag hatte es in London Berichten zufolge scharfe Auseinandersetzungen zwischen dem Staatsminister des britischen Außenministeriums, Ivan Lewis, und Botschafterin Fu Ying gegeben. Während Menschen mit Kerzen und Schrifttafeln vor der Botschaft protestierten, trug Lewis noch einmal Großbritanniens Auffassung vor, dass die Hinrichtung von Geisteskranken „unrecht“ sei. „China muss verstehen, dass es in der ganzen Welt erst dann Respekt verdienen wird, wenn es wenigstens die grundlegendsten Menschenrechte anerkennt“, sagte Lewis nach der Hinrichtung dem Sender Sky News.

China wies die Kritik zurück. „Niemand hat ein Recht, Kommentare über Chinas Rechtshoheit abzugeben. Alle Völker der Welt wollen das Verbrechen des Drogenhandels bekämpfen“, sagte die Sprecherin des chinesischen Außenministeriums, Jian Yu, in Peking.

Akmal Shaikh, Vater dreier Kinder, war 2007 in mit einem Koffer in Ürümqi gelandet, in dem mehr als vier Kilogramm Heroin verpackt waren – genug, um „26 000 Menschen zu töten“, argumentieren die chinesischen Behörden. Laut Reprieve, die Shaikh vertritt, wurde dieser von Kriminellen als ahnungsloser „Packesel“ benutzt. Der in Pakistan geborene Shaikh hatte bis 2001 ein gut gehendes Taxiunternehmen in Nordlondon, doch nach dem Scheitern seiner Ehe behinderte ihn seine Geisteskrankheit mehr und mehr. 2005 packte er die Koffer, reiste nach Polen, um dort eine Fluglinie zu gründen , ohne Geld oder Erfahrung. In Polen war er zeitweise obdachlos, warb in E-Mails an Prominente und Politiker für kuriose Projekte zur Rettung der Welt und spielte in Kirgistan einen Popsong ein, obwohl ihm jedes Talent dafür fehlte. Ein britischer Musiklehrer, der ihm dabei half, bestätigte dem „Observer“, dass Shaikh „eindeutig ein Fall für die Psychiatrie“ sei. „Es passt nicht zu ihm, etwas mit Drogenschmuggel zu tun“, sagte Gareth Saunders.

Nach Angaben von Amnesty International hat China 2008 mindestens 1718 Todesurteile vollstreckt, das sind 72 Prozent aller Hinrichtungen weltweit. Die wahre Zahl dürfte höher liegen, da nicht alle Fälle bekannt werden. 60 Straftaten von Steuerhinterziehung bis Vergewaltigung oder der Tötung eines Pandabären werden in China mit dem Tode bestraft. Beobachter weisen aber auch darauf hin, dass die Todesstrafe in China breite Unterstützung der Bevölkerung hat.

Großbritanniens Beziehungen mit China sind schon durch die scharfe Kritik am Verhalten Chinas beim Klimagipfel in Kopenhagen belastet. Britische Diplomaten wissen, dass China auf Druck aus dem Ausland empfindlich reagiert. China weiß ebenso, dass sich Großbritannien ein ernsthaftes Zerwürfnis schon aus wirtschaftlichen Gründen nicht leisten kann.

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