Politik : Droste verurteilt: Schluss mit lustig

Stefan Reinecke

Und noch viele, viele andere. Wiglaf Droste ist Satiriker. Satiriker brauchen Feinde, schon aus Gründen der Berufsehre. Deshalb schreibt Droste manchmal Texte, in denen mit ganz wenig schlimmen Worten ganz viele Leute angegriffen werden. Diese Texte machen manchmal Krawall, sind aber selten lustig. Manchmal schreibt er auch lustige, treffende, schlaue Artikel - eine Frage der Tagesform.

Am 21. Juli 1999 schrieb Droste einen Kommentar für die "taz" über die Gelöbnisfeier am 20. Juli. Der 21. Juli muss für Droste ein guter Tag gewesen sein. Denn obwohl das Thema - Bundeswehr, Tschingdarassabum, Gelöbnis - jeden Satiriker leicht zum Hammer greifen lässt, wählte Autor Droste das Florett. Oder sagen wir: den Degen. Am 20. Juli 1999 störten ein paar Nackte die Rekrutenvereidigung. Feldjäger fingen die Protestler ein. Droste nannte sie deshalb "Kettenhunde" und "Waschbrettkopf".

Ein Feldjäger erstattete Anzeige. Gestern wurde der Fall beim Amtsgericht Tiergarten verhandelt. Es war, wie erwartet, ein Spektakel. Viele Journalisten sind da, der Kabarettist Arnulf Rating, Friedrich Küppersbusch und Benjamin von Stuckrad-Barre. Wiglaf Droste ist unausgeschlafen, aber gut in Form. "Ich bin in der Lage, die Bundeswehr zu beleidigen", sagt er. Aber der Text sei keine Beleidigung. Auch keine Satire, sondern ernst gemeint. "Kettenhund" ist, so Droste, eine seit dem Ersten Weltkrieg übliche Bezeichung für Feldjäger, deren Daseinszweck es ja ist, Unbotmäßige einzufangen. Und "Waschbrettkopf" ist seine eigene Erfindung und schon deshalb nicht beleidigungstauglich, weil niemand weiß, was das genau ist. Dann legt Drostes Anwalt rund 40 Gutachten vor, in denen Comiczeichner, Redakteure des Duden und eine Reihe Humor-Experten in heiterer Form darlegen, was es mit den beiden Begriffen auf sich hat. Die Prozess-Protokollantin kichert, die Stimmung im Saal schwankt zwischen verhuscht albern und sehr ernst. Immerhin ist man ja im Gericht - oder vielleicht doch auf einer Performance? Nur die Richterin Fischer, die ohnehin bloß das Nötigste tut, findet das alles nicht lustig. Der Beweisantrag wird abgelehnt. Das Gericht brauche keine Experten, um die Sache zu beurteilen, meint sie bemerkenswert humorfrei.

Jetzt ist wirklich Schluss mit lustig. Staatsanwalt Amselmann tritt in den Ring. Herr Amselmann sieht aus wie der kleine Bruder von Sigmund Gottlieb. Und so redet er auch. "Traurig", findet er, dass Droste die Beleidigung als Stilmittel verwende. Eine "unbarmherzige Härte" erkennt er bei dem Angeklagten. Droste habe - Meinungsfreiheit hin oder her - "den Schutz der Grundrechte weit hinter sich gelassen". Klirrende Worte. Die Protokollantin schaut ernst, niemand kichert mehr. Am Ende hält Droste ein Plädoyer. Er habe "Uniformierte, die zu fünft nackte Frauen vermöbeln, nachsichtig darauf aufmerksam gemacht, dass sie sich mies benommen haben". Das Publikum klatscht, die Richterin droht, den Saal zu räumen. Aber das ist ihr dann doch zu viel Aufwand.

Für die politische Kultur (die Satiriker sowieso) ist es beruhigend, dass es Leute gibt, die gerne und schnell beleidigt sind. Für Droste weniger. 2100 Mark Strafe, plus Rechtsanwalt und Gerichtskosten. Bald kommt die Revision. Das kann teuer werden.

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