Politik : Druck auf Schweriner OB wächst

CDU-Politiker soll Posten wegen der Versäumnisse im Fall Lea-Sophie räumen

Andreas Frost

Schwerin - Gut vier Monate nach dem Hungertod der fünfjährigen Lea-Sophie aus Schwerin schlägt der Fall immer höhere politische Wellen. Oberbürgermeister Norbert Claussen (CDU) steht wegen Vorwürfen, er habe die Aufklärung von Versäumnissen der kommunalen Behörden behindern wollen, massiv unter Druck. Am Montag wollen seine Gegner in der Stadtvertretung die Abwahl des OB in die Wege leiten. Für ihren Antrag, die Bürger der Landeshauptstadt von Mecklenburg-Vorpommern Ende April über die Zukunft Claussens abstimmen zu lassen, bedarf es allerdings im Stadtparlament einer Zweidrittelmehrheit.

„Der qualvolle Tod von Lea-Sophie wäre vermeidbar gewesen.“ Zu diesem Fazit gelangte ein Sonderausschuss des Stadtparlaments, der die Rolle des Jugendamts in dem Fall untersucht hatte. Die Fünfjährige war am 20. November in einem Krankenhaus gestorben – völlig abgemagert war sie dort angelangt, die Ärzte konnten ihr nicht mehr helfen.

Das Jugendamt geriet nach Bekanntwerden des Falles in die Kritik. Wie der Sonderausschuss zu einem späteren Zeitpunkt berichtete, hatte Lea-Sophies Großvater bereits ab Herbst 2006 mehrmals das Amt aufgesucht. Das Mädchen sei sprachlich zurückgeblieben, sehr mager, besuche keinen Kindergarten und werde von den Eltern nicht zu Vorsorgeuntersuchungen gebracht, erzählte er dem Ausschussbericht zufolge verschiedenen Sozialarbeitern. Doch die Warnungen des Großvaters verhallten. Zwar bestellte einer der Sozialarbeiter die Eltern ein – als die nicht erschienen, hakte er aber nicht nach.

Im Zuge der politischen Aufarbeitung des Skandals geriet zunächst der für das Jugendamt zuständige Sozialdezernent Hermann Junghans (CDU) ins Visier der Kritiker. Ende Februar scheiterte allerdings seine Abwahl im Stadtparlament. In der geheimen Abstimmung votierten nur 23 der 44 Kommunalvertreter gegen ihn, womit die erforderliche Zweidrittelmehrheit verfehlt wurde.

Seither richtete sich die Kritik auch gegen den Rathauschef. Claussen hatte wenig einfühlsam bekundet, die Stadt habe im Fall Lea-Sophie einfach „Pech gehabt“, auch andernorts hätte so etwas passieren können. Der CDU-Politiker entschuldigte sich zwar später für diese Äußerung, doch vom Druck befreien konnte er sich damit nicht. Seine Gegner in der Stadtvertretung werfen ihm auch vor, ihnen wichtige Fakten über den Fall vorenthalten zu haben. Der Antrag über die Zukunft des OB wurde gemeinsam von vier der fünf Fraktionen im Stadtparlament gestellt – SPD, Grünen, Unabhängigen und Linken. Sie verfügen zusammen über genau 30 Stimmen, also die Mindestzahl, die für die Einleitung des Bürgerentscheids gebraucht wird. Andreas Frost

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