Politik : Druck hilft

Studie: Antisemitische Tendenzen gehen zurück – aber nur wenig

Claudia von Salzen

Die Bilder gingen um die Welt: Brennende Synagogen, mitten in Europa. Vor zwei Jahren wurden Frankreich, aber auch andere europäische Länder, von einer Welle antisemitischer Gewalt erschüttert. Frankreich habe gezeigt, wie ein Land diesen Trend umdrehen kann, sagte Abraham H. Foxman, Direktor der amerikanischen Anti-Defamation League, am Montag in Berlin. Heute ist die Zahl antisemitischer Straftaten in Europa wieder zurückgegangen. „Frankreichs Präsident Chirac hat endlich aufgehört zu leugnen, dass es Antisemitismus in seinem Land gibt, und hat ihn für inakzeptabel erklärt“, sagte Foxman. Die französischen Initiativen in den Bereichen Gesetzgebung, Bildung und innerer Sicherheit könnten aus seiner Sicht Modellcharakter haben. Über den Antisemitismus beraten ab Mittwoch in Berlin Vertreter von 55 Staaten auf einer Konferenz der Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (OSZE).

Antisemitische Einstellungen sind nach einer Studie der Anti-Defamation League heute in Europa nicht mehr so verbreitet wie noch vor zwei Jahren. Dennoch wurden bei 36 Prozent der in Deutschland Befragten antisemitische Einstellungen festgestellt. Andere Studien gehen davon aus, dass 14 bis 20 Prozent der Deutschen latent antisemitisch sind. 24 Prozent der in Deutschland Befragten waren der Meinung, Juden hätten in der Wirtschaft zu viel Macht. Und sogar jeder zweite Deutsche vertrat die Ansicht, Juden stünden Israel loyaler gegenüber als Deutschland. Genau das gehöre jedoch zu den klassischen antisemitischen Stereotypen, betonte Foxman.

Um gemeinsam gegen Antisemitismus vorzugehen, wollen sich Nichtregierungsorganisationen (NGOs) weltweit besser vernetzen. 400 Vertreter aus 29 Ländern treffen sich daher an diesem Dienstag zu einer eigenen Konferenz. „Wir wollen sicherstellen, dass Regierungen Antisemitismus beim Namen nennen und die Verantwortung dafür übernehmen, dass wirklich etwas passiert“, sagte Deidre Berger, Leiterin des Berliner Büros des American Jewish Committee. Dass Paris heute aktiv gegen den Antisemitismus vorgeht, habe auch mit dem Druck der NGOs zu tun.

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