Politik : Drüben ist überall

Von Antje Sirleschtov

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Natürlich hat das alles auch etwas mit Ostdeutschland zu tun! Mit den vielen Jahren hinter der Mauer, aber auch den vielen Jahren ohne sie. Vor einer Woche wurde in Potsdam ein Mann aufs Grausamste zusammengeschlagen. Diesmal ein „Nigger“, wie sie ihn nannten. Sonst waren es „Fidschis“, „Kanacken“. Aber auch „Weiße“ werden Opfer von Gewalt. Fremd sind sie den Tätern irgendwie allesamt. Und uns wertvoll genug, ehrlich zu fragen: Warum brennen gerade hier im Osten Asylbewerberheime, finden im Wald vor Frankfurt/Oder schreckliche Schlacht-Orgien statt, werden Menschen, die nicht deutsch aussehen, davor gewarnt, allein in Brandenburg spazieren zu gehen?

Ein Heuchler, wer wie Gregor Gysi behauptet, der Innenminister beleidige nun alle Ostdeutschen. Wolfgang Schäuble hat aus der Abschottung von Menschen durch das DDR-System und ihrer fehlenden Lebenserfahrung mit Ausländern – mit Fremden – Schlüsse gezogen. Wer in der DDR aufgewachsen ist, den beleidigt das nicht, Sippenhaft ist abgeschafft. Erinnerung aber nicht: Wohnsilos für Gastarbeiter aus Vietnam, Zwangsbruderschaft mit den siegreichen Sowjetmenschen und vollkommen autonome Gebiete für – in Dollar zahlende – arabische Universitätsstudenten. Auch das gab es! Das Regime unterschied Menschen rigoros zwischen Gut und Böse. „Neger“ wies der Volkseigene Dudenverlag als „übliche“ Bezeichnung eines dunkelhäutigen Bewohners Amerikas (böse) aus. „Diskriminierend“ fand man das Wort allein bei Menschen aus Afrika (gut). Langt das, um zu erahnen, warum Pubertierende im Havelland vor ein paar Jahren eine „Ausländerfreie Zone“ herbeibrandschatzen wollten? Viele ihrer Eltern und Großeltern sind in dem Bewusstsein aufgewachsen, dass „drüben“ der Feind unseres Sozialismus haust. Und drüben war bekanntlich beinahe überall auf der Welt.

Was, wenn die von drüben – egal ob schwarz oder weiß – nun, da die Mauer offen ist, in unsere Städte und Dörfer kommen, wenn sie hier leben, arbeiten oder auch Sozialhilfe beziehen, wo doch das Gelobte Land nicht mal für die Einheimischen genug Wohlstand bereithält? Wo Eltern zu tausenden beinahe 16 Jahre lang keine Arbeit mehr haben, wo 90 Prozent eines Schuljahrgangs sofort nach dem Abitur für eine Lehrstelle die Heimat verlassen müssen, wo es kaum noch Ärzte gibt? Da reicht das Stochern in der DDR-Geschichte nicht zur Erklärung aus. Ja, es verschleiert sogar den Blick auf die sozialen Ursachen der so erschreckenden Rohheit junger Menschen.

Sozialhilfekarrieren sind Hoffnungslosigkeit nicht selten in dritter Generation. Angst und menschliche Verwahrlosung seit Kindestagen, die sich irgendwann in Hass gegen andere entlädt. Auch das wieder ein ostdeutsches Phänomen, unnostalgisch zwar, dafür aber wegen der geballten sozialen und Arbeitsmarktprobleme umso wichtiger offen zu legen. Weil es endlich zu lernen gilt für Politiker, Amts- und Würdenträger vor Ort. Aber auch für solche in Spandau, Bochum oder Bremen. Die soziale Deformierung ganzer Regionen hat keine Hautfarbe. Dem leisen Heranwachsen von Unterschichten ist allein mit Migrationsdebatten nicht beizukommen. Elternhäuser ohne Zuversicht, Schulen, wo nur Mangel verwaltet wird, Arbeitsämter, die nie Zukunft bieten können, Milieus, aus denen gute Bürger fortziehen: Das alles hat etwas mit ganz Deutschland zu tun.

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