Politik : Dschungel Gesundheitswesen

Ein Wegweiser durch das Haus- und Facharztsystem für Ausländer ist begehrt – vor allem bei Deutschen

Jan Hildebrand

Berlin - Was bezahlt die Krankenkasse? Welche Früherkennungsuntersuchungen gibt es für Kinder? Und welche Aufgaben hat der öffentliche Gesundheitsdienst, die nicht Hausarzt oder Krankenhaus übernehmen? Diese Fragen geben selbst Deutschen Rätsel auf. Für Ausländer bedeuten sie häufig eine unüberwindbare Hürde auf dem Weg zur medizinschen Versorgung.

„Deutschland hat ein gutes Gesundheitssystem, aber es ist kompliziert“, sagt Karl-Dieter Voß, Vorstand beim Bundesverband der Betriebskrankenkassen (BKK). Der Verband hat einen „Wegweiser für Migranten“ erstellt. Er erscheint in neun Sprachen, darunter türkisch, arabisch und russisch. 100000 dieser Hefte sollen im ganzen Bundesgebiet verteilt werden – in Arztpraxen, Sportvereinen oder Moscheen. Sie sollen Ausländern „durch den Dschungel des deutschen Gesundheitssystems“ helfen, wie Voß sagt. Denn Migranten seien oft schlecht versorgt und das, obwohl sie mittlerweile einen hohen Anteil unter den Versicherten ausmachten. Bei den Betriebskrankenkassen sind es zehn Prozent.

Ausländer würden das Gesundheitssystem oft nicht verstehen und hätten deshalb keinen Zugang, meint Ramazan Salman vom Ethno-Medizinischen Zentrum Hannover, das den Leitfaden im Auftrag der BKK erstellt hat. Schon die Frage, wo man am Wochenende Medikamente herbekommt, sei für viele schwierig. Ganz zu schweigen von den Feinheiten des deutschen Systems: Die Unterteilung in Kliniken, Hausärzte und Fachärzte kennen viele Migranten aus ihren Heimatländern nicht. In manchen Staaten ist die erste Anlaufstelle immer das Krankenhaus. Das ist ein Grund dafür, dass Ausländer hier zu Lande häufig in die Notfallambulanzen von Kliniken gehen, dem Arzt aber seltener als Deutsche einen Besuch abstatten.

Der Präsident des Deutsch-Türkischen Gesundheitsforums, Ulf Fink, sieht neben dem Informations- auch ein Mentalitätsproblem. „Wir haben hier ein ausgesprochen naturwissenschaftliches Verständnis von Krankheiten.“ Das sei bei vielen Einwanderern anders und erschwere die Kommunikation zwischen Arzt und Patient. Das Gesundheitsforum veranstaltet am kommenden Wochenende zusammen mit der Berliner Charité einen deutsch-türkischen Kongress zum Thema Medizin und Gesundheitspolitik. Dort können sich zwei Tage lang Mediziner aus beiden Ländern austauschen. Außerdem gibt es ein Patientenforum auf Türkisch.

Bei türkischen Patienten herrsche teilweise noch ein anderes Krankheitsbewusstsein, sagt Fink. „Prävention und Vorbeugung werden nicht so groß geschrieben.“ Ein Problem, das auch das Ethno-Medizinische Zentrum erkannt hat. Die Möglichkeiten von Vorsorgeuntersuchungen würden von Migranten wenig in Anspruch genommen, da sie diese Angebote aus ihren Herkunftsländern nicht kennen würden, sagt Salman. Einen weiteren Grund sieht Fink darin, dass viele Migranten Angst vor hohen Kosten hätten. „Wenig bis gar nicht bekannt“ seien die Ausnahmeregelungen bei Zuzahlungen für Jugendliche und Härtefälle.

Das soll der Wegweiser ändern. „Wichtig ist, dass die Menschen wissen, was es gibt und wozu es da ist“, so Salman. Nicht nur für Ausländer schließt das 50-seitige Heft eine Informationslücke: „Mit dem differenzierten Gesundheitssystem tun sich auch deutsche Patienten schwer“, sagt Salman. Er berichtet von einer Testphase, in der die Infobroschüre in Nordrhein-Westfalen unters Volk gebracht wurde: Die deutschsprachige Version war als erste vergriffen.

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