Politik : Duell im Takt der Hitparade

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Von Ulrike Simon

Das gab es noch nie in der Geschichte bundesdeutscher Wahlkämpfe, dass sich der Bundeskanzler und sein Herausforderer im Wahlkampf ein Interview-Duell liefern. „Bild“ und „Bild am Sonntag“ bewarben sich als erste Zeitungen um das „Print- Duell“; als auflagen- und reichweitenstärkste Zeitungen erhielten die beiden Boulevard-Schwesterblätter aus dem Axel Springer Verlag den Zuschlag. Am Donnerstag findet es statt.

Wer allerdings denkt, dass sich die beiden Kandidaten einfach so mit zwei Journalisten treffen und ein Interview führen, hat keine Vorstellung davon, was man alles klären kann, bevor so ein Gipfeltreffen stattfindet. Alles ist geregelt, bis ins letzte Detail.

Das Interview beginnt um 16 Uhr und endet um 18 Uhr. Es findet in der Bibliothek statt, dem repräsentativsten Raum des Springer-Verlages, ganz oben, im 19. Stock. Im Halbkreis um einen Tisch werden Stoiber und Schröder in der Mitte platziert, außen sitzen die beiden Chefredakteure.

In vielen Vorgesprächen wurden folgende Details geregelt: Zum Interview sind zwei Fotografen zugelassen, ein Aufzeichnungstechniker und zwei Stenografen. Im Hintergrund sitzen der stellvertretende Regierungssprecher Bela Anda und Kampa- Leiter Matthias Machnig als Begleiter von Schröder sowie der Sprecher der Staatskanzlei, Ulrich Wilhelm, und Berater Michael H. Spreng für Stoiber, außerdem ein Autor und der Politikchef von „Bild“.

Nach jeder Frage haben die Kandidaten jeweils sechzig Sekunden Zeit zu antworten. Es ist erlaubt, den Gegner zu unterbrechen. Nach sechzig Sekunden gibt es ein Signal. Wie fantasiereich die Verhandlungen geführt wurden, zeigt folgendes Detail: Zunächst verabredeten sich die Verhandlungspartner auf eine Schachuhr, dann einigten sie sich auf ein Signallämpchen. Schließlich besorgten sich die „Bild“-Leute zusätzlich die rückwärts laufende Digitaluhr aus Dieter Thomas Hecks ZDF-„Hitparade“.

Noch in der Nacht zum Freitag wird die Aufzeichnung abgetippt. Da das gesprochene Wort gilt, nehmen die Zeitungschefs nur Sprachglättungen vor: „ähs“ werden gestrichen, fehlende Verben werden eingefügt. Diese Fassung bekommen Stoiber und Schröder am Freitag vorgelegt, sie dürfen jedoch weder Gedanken hinzufügen noch streichen. Gedruckt wird das Interview in der Nacht zum Sonntag. Geplant sind zwei Folgen. Die erste in „Bild am Sonntag“ am 7.7., also exakt 77 Tage vor dem Wahlsonntag am 22. September. Der zweite Teil erscheint am Montag in der „Bild“–Zeitung.

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