Duell um Nachfolge von David Cameron : Andrea Leadsom: Die Frau des rechten Flügels

Die Favoritin der Tory-Fraktion für das Amt des britischen Premiers heißt Theresa May - aber entscheidend ist die konservative Basis. Andrea Leadsom könnte das helfen.

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Kandidatinnen: Theresa May (links) und Andrea Leadsom.
Kandidatinnen: Theresa May (links) und Andrea Leadsom.Foto: Reuters

Andrea Leadsom ist sehr stolz auf ihr Land. Die Briten seien ein bemerkenswertes Volk, das der Welt noch viel zu geben habe, sagt die 53-jährige Tory-Politikerin, die das Land demnächst führen könnte. Zu den Errungenschaften, welche die Briten der Welt schon gegeben haben, zählt die EU-Gegnerin die parlamentarische Demokratie. Sollte sie im September tatsächlich Premierministerin werden, würde sie das aber einem direktdemokratischen Doppelereignis verdanken, das die Mutter aller Parlamente zu einem Abnickverein degradiert: Das Austrittsvotum in der Volksbefragung vom 23. Juni und der anschließende Rücktritt des Verlierers David Cameron öffnete den Weg für die Urwahl bei den Konservativen, in der Leadsom nun (nach der Ausscheidung in der Parlamentsfraktion) gegen Innenministerin Theresa May antritt. Die Tories haben etwa 150000 Mitglieder, das sind etwa 0,25 Prozent der britischen Bevölkerung. Eine Mehrheit dieser kaum berechenbaren Männer und Frauen, viele davon ideologisch motivierte Europa-Gegner und EU-Hasser, wählen also den nächsten Regierungschef des Landes. Wenn Leadsom gewinnt, dann hat ein kleiner Bruchteil der Wähler dem Land zudem eine Führerin verschafft, die in der eigenen Fraktion keine Mehrheit hat. Parlamentarische Demokratie im modernen Britannien – der Tory-Flügel, für den Leadsom steht, hält die EU für ein undemokratisches Monstrum.

60 Prozent der Fraktion für May

May ist allerdings die Favoritin, zumindest die der Fraktion in Westminster und die vieler Kommentatoren. 199 der 330 Abgeordneten stellten sich hinter die 59-Jährige, das sind immerhin 60 Prozent. Leadsom unterstützten nur 84 MPs. May führt seit sechs Jahren das Home Office, eine bemerkenswerte Leistung, die meisten Vorgänger hatten kürzere Amtszeiten. Zwar hat sich die Website „Conservative Home“, der man eine meinungsbildende Kraft innerhalb der Tory-Mitgliederschaft nachsagt, sich am Freitag eindeutig für May ausgesprochen – wegen der größeren Erfahrung. Aber wer aus der Gegnerschaft der Fraktion gegenüber Leadsom und solchen Empfehlungen Hoffnung schöpft, sollte vielleicht noch andere Zahlen beachten: Auf Twitter hat May knapp 21000 Follower, aber Leadsom folgen 48000. Zum Vergleich: Der mit nur 46 Abgeordnetenstimmen aus dem Bewerberrennen ausgeschiedene Michael Gove, Justizminister und harter Brexit-Befürworter, dem man zunächst zutraute, den zweiten Platz auf der Fraktionsliste zu erobern, kommt auf 13500 – das Gesicht der Austrittskampagne, Boris Johnson, auf 177000 Follower. Johnson hat sich eindeutig für Leadsom ausgesprochen; hätte er kandidiert, er hätte wohl die Urabstimmung mit wehenden Fahnen gewonnen.

Erst seit 2010 im Parlament

Die Wahl des neuen Premiers durch die Basis dauert einige Wochen – Zeit genug also, um abzuwägen. Leadsom großes Manko ist, dass sie nicht aus der ersten Reihe der nationalen Politik kommt (auch wenn ein großer Teil der Bevölkerung, der das Referendum auch als Votum gegen das Londoner Establishment nutzte, das ganz anders sieht). Leadsom, die erst 2010 ins Parlament gewählt wurde, hat noch kein Ministerium geführt, sie war Staatssekretärin im Finanzministerium (dort stellten ihr namentlich nicht genannte Quellen in der „Financial Times“ kein gutes Zeugnis aus), jetzt ist sie Staatssekretärin für Energiefragen. Die schottische Tory-Chefin Ruth Davidson, eine kämpferische Remain-Anhängerin, äußerte heftige Zweifel, ob Leadsom als Premier stählern genug sei und „auf Augenhöhe mit Angela Merkel“ agieren könne – ja selbst Augenhöhe mit Nicola Sturgeon, der schottischen Regierungschefin, die nicht auf den Mund gefallen ist, kann Davidson nicht erkennen.  

Die Urabstimmung der Basis ist eine Richtungsentscheidung in zweifacher Hinsicht. Zum einen geht es um das Prozedere nach dem Brexit-Votum, und da die Mehrheit der Basis raus wollte aus der Union, könnte sie einer klaren Austrittsbefürworterin ihr Herz schenken. Dabei dürfte keine große Rolle spielen, dass Leadsom noch vor drei Jahren klar gegen den Brexit argumentierte und ihn als „Desaster“ für das Land bezeichnete. Eher wird in Erinnerung bleiben, dass sie in den Wochen vor dem Referendum in einigen Fernsehauftritten klar Meinung gegen die EU bezog. Sie liebe Europa, sagte sie, sogar den Deutschen und schwedischem Essen gilt ihre Zuneigung – "aber was ich hasse, ist die EU und die Art und Weise, wie sie den tollen Kontinent zerstört“. Das ist Musik in euroskeptischen Ohren. May war für den Verbleib in der EU, wenn auch eher dezent, und manche Tories werden ihr den klaren Schnitt nicht zutrauen.

Es geht um mehr als den Brexit

Zum anderen aber geht es bei der Mitgliederabstimmung um den innenpolitischen Kurs der Partei. Cameron hat die Tories in die Mitte bewegt, und May steht grundsätzlich ebenfalls für diesen Kurs. Leadsom dagegen ist die Frau des rechten Flügels, gesellschafts- wie wirtschaftspolitisch. Damit steht sie eher in der Tradition der Parteiheiligen Maggie Thatcher, oder kann sich zumindest so darstellen. In der Gewissensfrage, wie man zur Homo-Ehe steht, die Cameron durchgesetzt hat, grenzt sich Leadsom zur Mitte hin ab – sie sei dagegen, weil sie die Gefühle von Christen verletze.

Wie weit Leadsoms etwas schillernder Lebenslauf eine Rolle spielt, ist unklar. Sie kommt aus der Finanzbranche. Ihre Rolle und den Grad ihrer Verantwortung bei der Barclays-Bank und dem Vermögensverwalter Invesco, ihren Hauptarbeitgebern in der Zeit vor der Politik, hat sie offenbar etwas übertrieben. Sie musste am Donnerstag ihren offiziellen Lebenslauf jedenfalls anpassen. Dabei kam heraus, dass sie entgegen dem Eindruck, der bestand, keineswegs direkt verantwortlich war für größere Teams und Milliardensummen. Dass zu den Profiteuren einer Abnabelung von der EU (und damit auch Brüsseler Regulierungen) nicht zuletzt ein Teil der Vermögensberatungs- und Geldverwaltungsbranche in Großbritannien gehört, lässt Leadsoms Kandidatur durchaus konsequent erscheinen. Ihr Schwager Peter de Putron, ein Offshore-Banker in Guernsey, ist Großspender nicht nur für die Tories, sondern auch für euroskeptische Organisationen. Leadsom hat versprochen, ihre Steuerbescheide zu veröffentlichen, wenn sie Kandidatin wird. Ob es die Tory-Mitglieder beeindruckt, wenn dort dann Steuersparmodelle auftauchen und Konten in Steueroasen, ist nicht ausgemacht.

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