Politik : Dünnes Eis

Greenpeace warnt: Die Gletscher der Alpen können bis zum Ende des Jahrhunderts komplett schmelzen

Dagmar Dehmer

Berlin - Bis zum Ende des Jahrhunderts könnten die Alpen eisfrei sein. Zu diesem Ergebnis kommt eine neue Greenpeace- Studie über die Gletscher der Alpen. „Gletscher sind die Kronzeugen der Klimaerwärmung“, sagte der Greenpeace-Klimaexperte Karsten Smid am Donnerstag. Wenn der weltweite Ausstoß von Treibhausgasen nicht dramatisch verringert würde, könnte die Durchschnittstemperatur um fünf Grad im Vergleich zum Beginn der Industrialisierung steigen. Und dann wären die Alpen eisfrei.

1999 begann die Umweltorganisation gemeinsam mit der Gesellschaft für ökologische Forschung Alpengletscher zu fotografieren, um sie mit historischen Aufnahmen vergleichen zu können. „Als wir damit angefangen haben, habe ich mir nicht vorstellen können, dass ich nur vier Jahre später zurückkommen und dramatische Veränderungen sehen würde“, sagte Sylvia Hamberger. Während die globale Temperatur sich um 0,7 Grad erhöht hat, liegt die Durchschnittstemperatur in den Alpen deutlich höher, sagte Smid. Auf der Alpennordseite liege sie um 1,3 Grad höher, in der Westschweiz sogar 1,6 Grad. Und überall, nicht nur in den Alpen, schmelzen die Gletscher im Rekordtempo. Zwar habe es immer wieder Phasen der Erdgeschichte gegeben, in denen sich die Gletscher zurückzogen, sagte Hamberger. Doch dass die Eismassen ganz verschwinden könnten, „das hat es noch nicht gegeben“.

Ist ein Gletscher erst einmal ins Schmelzen gekommen, ist der Prozess schwer aufzuhalten. Am Triftgletscher (siehe Bilder) beispielsweise hat sich nach Hambergers Angaben 1998 ein See gebildet. Das dunklere Seewasser reflektiert das Sonnenlicht nicht mehr in den Weltraum zurück, dadurch wird mehr Wärme gespeichert, der Schmelzprozess beschleunigt sich weiter. Dasselbe gilt für Gletscherspalten, durch die Schmelzwasser abfließt und den ganzen Gletscher ins Rutschen bringen kann. Auch das beschleunigt das Verschwinden der Eismassen. Inzwischen ist der See 50 Meter tief, und Sicherheitsexperten befürchten, der See könnte durchbrechen. „Die Gletscher werden gefährlicher“, sagte Hamberger.

Das Verschwinden der Eismassen ist jedoch nicht nur ein ästhetisches Problem. Wo die Gletscher schmelzen, bleiben Geröllhalden zurück. Die Gletscher sind auch wichtige Trinkwasserspeicher. In den Gletscherregionen der Alpen entspringen die Flüsse Rhone und Rhein. Die Folgen für die Flüsse sind absehbar. Noch dramatischer ist die Lage jedoch in anderen Weltregionen wie beispielsweise dem Himalaja. Verlieren die großen Flüsse, die dort entspringen, viel Waser, ist die Trinkwasserversorgung ganzer Landstriche in Indien gefährdet.

Mit am schnellsten schwindet das Eis am Kilimandscharo, dem höchsten Berg Afrikas an der Grenze zwischen Tansania und Kenia. Schon in 20 Jahren könnte der Gipfel komplett eisfrei sein. Aber auch die riesigen Eisfelder Patagoniens in Chile und Argentinien schmelzen in einem dramatischen Tempo. Sie verloren seit 1997 jedes Jahr eine Wassermenge, die dem Inhalt des Bodensees entspricht.

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