Politik : Dunkle Quellen

Bei Saddams Biowaffenlaster ist der BND einem Lügner aufgesessen – jetzt fühlen sich die Deutschen von den USA bloßgestellt

Martin Gehlen,Frank Jansen

Der wichtigste Trumpf stand auf drei Power-Point-Schaubildern. Bei seinem denkwürdigen Auftritt am 5. Februar 2003 vor dem UN-Sicherheitsrat präsentierte US-Außenminister Colin Powell Zeichnungen von geheimnisvollen Lastwagen. Sie seien auf den Straßen von Saddam Husseins Irak als rollende Biowaffenfabriken unterwegs, erklärte er. In deutschen Medien gab es an den folgenden Tagen ein verstohlen-stolzes Schulterklopfen. Es sei der BND gewesen, wurde kolportiert, der diese entscheidenden Beweise aufgetan und an die Amerikaner geliefert habe. Die brisanten Erkenntnisse hatten nur einen Haken: Sie stimmten nicht. Nach Recherchen der „Los Angeles Times“ war der Informant ein junger Iraker, der 1998 als Asylbewerber nach Deutschland gekommen war. Er behauptete, er sei Chemieingenieur und direkt vom Campus weg verpflichtet worden, Lastwagen zur biologischen Kriegführung zu entwerfen und mitzubauen.

Inzwischen jedoch sind die US-Behörden überzeugt, dass der BND einem Lügner aufgesessen ist. Denn der Biowaffenbauer war in Wirklichkeit der Bruder eines Beraters von Ahmed Chalabi. Chalabi, der in Jordanien wegen Betrugs zu 22 Jahren Haft verurteilt ist, soll ihn gezielt dem BND zugespielt haben. Der Sprecher des Irakischen Nationalkongresses genießt bis heute das Vertrauen des Weißen Hauses und ist in Bagdad Mitglied des irakischen Regierungsrats. Nach Angaben der „Los Angeles Times“ hat der CIA den BND mehrfach gebeten, den Informanten selbst verhören zu dürfen. Das sei von den Deutschen stets mit der Begründung abgelehnt worden, sie müssten ihre Quelle schützen.

Der BND gab am Mittwoch keine Stellungnahme ab. In Sicherheitskreisen war allerdings deutliche Verärgerung über die Indiskretionen der Amerikaner gegenüber der „Los Angeles Times“ zu spüren. Inoffiziell hieß es, „wir hatten ungesicherte Informationen und haben versucht, diese zu verdichten – ohne den gewünschten Erfolg“. Dies sei den Amerikanern rechtzeitig mitgeteilt worden. Ein Sicherheitsexperte sagte, es sei nur mit dem harten Wahlkampf in den USA zu erklären, dass jetzt durch diese Indiskretionen der Quellenschutz gebrochen werde. Die Regierung Bush trete offenbar die Flucht nach vorne an. Sie versuche nun, Verantwortung für Versäumnisse im Vorfeld des Irakfeldzuges den Deutschen zuzuschieben, weil diese sowieso gegen den Krieg gewesen seien.

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