Politik : Dunkle Ziffern

Eine Unicef-Studie über Kinderprostitution an der deutsch-tschechischen Grenze verärgert Prag – sie sei unseriös und übertreibe

Ulrich Glauber[Wien],Julia Ziegler

Von Ulrich Glauber, Wien,

und Julia Ziegler

Die Vorwürfe sind hart: Selbst Babys würden im Grenzgebiet zu Tschechien vor allem deutschen Freiern angeboten. Das zumindest behauptet eine gerade vorgelegte Studie des deutschen Sozialprojekts Karo. Jetzt kontern die tschechischen Behörden: „Unseriös“ würde Karo arbeiten, die Organisation sei nur auf öffentliche Zuschüsse aus. Karo hatte seit 1996 etwa 500 Kinder beobachtet und 40 von ihnen befragt – und war dabei nach eigenen Angaben zu schockierenden Ergebnissen gekommen. Am Dienstag war die Studie vom Kinderhilfswerk der Vereinten Nationen (Unicef) unter Schirmherrschaft der deutschen Präsidentengattin Christina Rau in Berlin vorgestellt worden.

„Es gibt solche Fälle, aber wir sind bestimmt nicht das Mekka der Pädophilen gleich nach Thailand“, sagte Petr Zelázko, Chef der tschechischen Kriminalpolizei, der Prager Zeitung „Lidove noviny“. Verärgert sind die Bürgermeister aus der Gegend an der Grenze nach Bayern und Sachsen. „Ich bin zwar überzeugt, dass Kinderprostitution in unserer Region in Einzelfällen existiert,“ räumte Dalibor Blazek, Stadtoberhaupt von As (Asch), ein. „Sie hat aber bei weitem nicht das Ausmaß, wie es Cathrin Schauer von der Organisation Karo zu präsentieren versucht.“ Auch der tschechische Ministerpräsident Vladimir Spidla hat den Bericht als „unrealistisch“ zurückgewiesen. Die Vorwürfe „entsprechen nicht der Situation“, sagte Spidla direkt nach der Veröffentlichung in Prag.

„Ich vertraue auf die tschechische Polizei, die Vorwürfe von Karo bereits mehrmals zurückgewiesen hat“, sagte Bürgermeister Blazek unter Hinweis darauf, dass die Nachbarstadt Cheb (Eger) die Zusammenarbeit mit dem Verein eingestellt hat, weil die Angaben der Organisation nach Ansicht der Stadtväter nicht nachprüfbar waren. Auch ein Vertreter einer örtlichen Hilfsorganisation bezeichnete die Vorwürfe als aufgebauscht. Jakub Svec vom tschechischen Innenministerium warf Karo vor, dass die aufgelisteten Nummernschilder der Autos angeblicher Sextouristen gar nicht registriert gewesen seien.

Laut Kriminalpolizei-Chef Zelázko sind bis Ende September in Tschechien 607 Ermittlungsverfahren wegen sexuellen Missbrauchs von Kindern bis 15 Jahre eröffnet worden. Im Jahresbericht 2002 räumte das Innenministerium ein, dass Prostitution in Tschechien stark zunimmt – „und das auch bei Jugendlichen unter 18 Jahren“. Wegen der hohen Dunkelziffer möchte das Innenministerium Prostitution zum Gewerbe erklären lassen, um das Milieu besser durchleuchten zu können.

„Kinderprostitution kann man in Tschechien beobachten, wenn man sie beobachten will“, sagte der Journalist Ulrich Hagmann dem Tagesspiegel. Mehrfach hat er über den Kinderstrich an der deutsch-tschechischen Grenze berichtet, unter anderem für die ARD. Tschechische Behörden würden dazu neigen, Kinderprostitution nicht sehen zu wollen. Nach Angaben eines Sprechers der Sondereinheit gegen Organisierte Kriminalität allerdings haben die tschechischen Behörden die Organisation Karo in den vergangenen Jahren sehr wohl immer wieder um konkrete Informationen gebeten, sie jedoch nie erhalten.

Die Kritik an der von ihr veröffentlichten Untersuchung wies Unicef am Freitag zurück. „Die Studie von Cathrin Schauer ist wissenschaftlich fundiert und in langjähriger Arbeit entstanden“, sagte Unicef-Sprecherin Helga Kuhn. Es seien auch konkrete Informationen an die tschechischen Behörden weitergeleitet worden. „Aber wenn Vorwürfe erhoben werden, erschwert das natürlich die Arbeit unserer Organisation, und es wird von Problemen abgelenkt“, sagte Kuhn. Karo wolle aber mit den tschechischen Behörden kooperieren, „und das Angebot zur Zusammenarbeit gilt nach wie vor“.

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