Politik : Dutzende Festnahmen nach Mord an Serbiens Premier

Djindjic-Attentäter aber noch auf der Flucht / Belgrad: Mafia-Bande hat Staat den Krieg erklärt / Vier Vize teilen sich die Amtsgeschäfte

Gemma Pörzgen

Belgrad. Nach dem Mord an dem serbischen Ministerpräsidenten Zoran Djindjic hat die Polizei am Donnerstag die Suche nach den Tätern verstärkt. Nach unterschiedlichen Berichten wurden zwischen 40 und 200 Verdächtige festgenommen. An der Tat seien drei Männer direkt beteiligt gewesen, sagte der Belgrader Polizeichef Milan Obradovic. Sie hätten mit einem Präzisionsgewehr auf den Premier geschossen. Die Attentäter seien auf der Flucht. Innenminister Dusan Mihajlovic drohte den Tatverdächtigen mit „Rache“ und sagte, alle, die sich der Festnahme widersetzten, würden liquidiert.

Das Kabinett kündigte an, dass die Regierungsgeschäfte des Landes bis zum 25. Mai wechselweise von vier Vizeministerpräsidenten geführt werden. Nebojsa Covic, Zarko Korac, Miodrag Isakov und Dusan Mihajlovic werden im wöchentlichen Turnus den Posten des Interimspremiers innehaben. Covic soll als Erster das Amt übernehmen.

Die serbische Regierung hatte am Mittwochabend eine Liste mit 23 Namen und Bildern von Mitgliedern der „Zemun-Bande“ veröffentlicht, einer Mafia-Organisation, die mit dem Mord in Verbindung stehen soll. Vize-Premier Korac sagte, einer der mutmaßlichen Drahtzieher, der frühere Kommandeur einer Sondereinheit der Polizei, Milorad Lukovic, sei noch auf freiem Fuß. Er zähle zu einer „Gruppe, die den Krieg gegen den Staat und den Ministerpräsidenten“ erklärte habe. Sie habe seit Monaten unter Polizeiüberwachung gestanden und offenbar vorzeitig von der Polizeiaktion gegen sie erfahren.

Die Partei des früheren jugoslawischen Präsidenten Vojislav Kostunica, der in einen Machtkampf mit Djindjic verstrickt war, kritisierte unterdessen die Ausrufung des Ausnahmezustandes als überzogene Aktion.

Der EU-Beauftragte für die Außen- und Sicherheitspolitik, Javier Solana, und EU-Außenkommissar Chris Patten sagten Serbien in Belgrad weitere politische und wirtschaftliche Unterstützung zu. Außenminister Goran Svilanovic wertete ihren Besuch als wichtiges Zeichen der Solidarität.

Der Bundestag gedachte mit einer Schweigeminute des Premiers, der nach seinem Studium in Konstanz eine besondere Beziehung zu Deutschland gepflegt hatte. Bundestagspräsident Wolfgang Thierse sagte, Deutschland habe einen „Freund und Mitstreiter für Europa“ verloren.

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