Ecuador : Wasser für die Frauen von Alpamalag

Ein fast schon verlassenes Andendorf im Hochland Ecuadors blüht wieder auf – dank der Beharrlichkeit der Bewohnerinnen.

Sandra Weiss[Pujili]
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Mühsam ist die landwirtschaftliche Arbeit im ecuadorianischen Hochland. Foto: dpadpa

Anita erinnert sich noch gut an ihre Jugend in San Gerardo Alpamalag im ecuadorianischen Andenhochland. Dass sie und ihre Geschwister in einer Lehmhütte schliefen, und die Meerschweinchen ums offene Feuer wuselten. Dass ihre Eltern sich für einen armseligen Tageslohn auf der nahe gelegenen Hacienda verdingen mussten, um die Familie durchzufüttern. „Wir waren Sklaven. Aber wir hatten keine andere Möglichkeit. Alles Wasser gehörte der Hacienda, und ohne Wasser kann man hier auf 3000 Metern Höhe nichts anbauen“, erzählt die 77-jährige, stämmige Frau mit dem wettergegerbten Gesicht.

Die Hacienda bezahlte die Tagelöhner manchmal mit einer Ladung Klee oder „dem Recht“, ein paar Fass Wasser abzuschöpfen. Das Wasser schleppten die Bauern per Esel in Krügen auf ihre winzigen Felder. 36 Familien leben in der kleinen Siedlung bei Pujili, keine besitzt viel mehr als einen Hektar Land. „Manchmal hatten wir sehr böse Vorarbeiter, die uns kein Wasser geben wollten. Dann mussten wir es eben stehlen. Wenn sie uns erwischten, zerschlugen sie unsere Tonkrüge", erinnert sich die Bauersfrau.

Als 1964 eine Militärjunta in Ecuador eine Agrarreform und die Modernisierung der archaischen Landwirtschaft in Angriff nahm, schöpften die Bauern Hoffnung auf eine bessere Zukunft. Weit gefehlt – der Besitzer verteilte die Hacienda an seine Kinder und vererbte ihnen auch das Wasserrecht. 1969 schließlich bekam San Gerardo einen Trinkwasseranschluss – doch damit war das Bewässerungsproblem immer noch nicht gelöst. Viele Männer wanderten ab in die Städte, um dort auf dem Bau oder im Handel Geld zu verdienen. Auch die Jugendlichen sahen in Alpamalag keine Zukunftsperspektiven. Die Armutsrate auf dem Land liegt in Ecuador bei knapp 70 Prozent. Doch die Frauen blieben – und kämpften. Sie wurden beim Bürgermeister, beim Wasserwerk, bei Gerichten, sogar beim Landwirtschaftsministerium in der Hauptstadt Quito vorstellig. „Am Anfang hatten wir keine Ahnung, wir ließen uns vom vielen Papier und den Paragrafen einschüchtern, ein angeblicher Anwalt betrog uns um unsere hart verdienten Groschen, die Hacienda schickte Vorarbeiter, um uns einzuschüchtern oder uns zu schmieren“, erinnert sich Teresa Armas, Anitas Kampfgefährtin und derzeitige Vorsitzende der Wasserkooperative. Doch die Frauen ließen nicht locker. Ihre Klage ging von Instanz zu Instanz. 18 Jahre dauerte der Kampf, bis ihnen vor drei Jahren schließlich per Gerichtsbeschluss drei Liter Wasser pro Sekunde zugesagt wurden – von den 60 Litern pro Sekunde der Hacienda, die inzwischen Brokkoli für den Export anbaut.

„Jetzt hatten wir endlich Recht auf das Wasser, aber wie bringen wir es von der Hacienda her?“ schildert Teresa das nächste Problem. Da trat Swissaid auf den Plan. Die Schweizer Nichtregierungsorganisation ist seit langem in Ecuador tätig und hat sich auf die Bewässerungsproblematik spezialisiert. Der Bürgermeister spendete einen Teil der nötigen Rohre. Das Baumaterial, das Know how und den Rest brachte Swissaid ein. „In Gemeinschaftsarbeit wurden das Rückhaltebecken und die Wasserleitung gebaut“, erzählt Projektleiter Jilmar Capelo. „Und das Ganze kostete wegen der vielen freiwilligen Arbeit und dem Ausschalten der Zwischenhändler nur ein Drittel von dem, was die Regierung für gleichwertige Bewässerungsprojekte ausgibt“, berichtet er stolz.

Das Wasser hat der Gemeinde zu einem Entwicklungsschub verholfen. Die Produktion konnte diversifiziert werden. Wo früher nur ein paar Kartoffeln für den Eigenbedarf wuchsen, erstrecken sich jetzt grüne Kleefelder – Futter für Kühe und Meerschweinchen. Dank des guten Futters geben die Kühe jetzt 15 statt wie früher nur drei Liter Milch am Tag. Die Milch wird an eine nahe gelegene Molkerei verkauft.

Stolz führt Teresa auch ihre dicken Meerschweinchen vor, die sie auf dem Wochenmarkt verkauft, und zeigt ihren Gemüsegarten, in dem sie für die Familie Mais, Zwiebeln, Kohl, Radieschen, Möhren, Spinat, Pfirsiche, Kartoffeln und vieles mehr anbaut. „Dank der Bewässerung können wir das ganze Jahr über ernten“, sagt die 67-Jährige gerührt. „Der Boden ist durch die Bewässerung längst nicht mehr so sandig wie früher, und die Bodenpreise haben sich vervierfacht“, fügt Capelo hinzu. Auch die Dorfgemeinschaft hat sich gefestigt und vergrößert: Von Anitas sechs Kindern sind zwei wieder zurückgekehrt.

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