Ehe und Kinder : Dem Osten ist der Trauschein schnuppe

Kind plus Trauschein oder ohne: Das unterscheidet Deutschlands Westen noch immer stark vom Osten. Doch die Gründe dafür sind älter als die deutsche Teilung.

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Freude an den Kindern - im Osten brauchen Eltern dazu deutlich seltener den Trauschein als im Westen.
Freude an den Kindern - im Osten brauchen Eltern dazu deutlich seltener den Trauschein als im Westen.Foto: dpa

Ost und West nähern sich an, aber noch ist nicht alles gleich. Und in einem Punkt unterscheiden sich die Ex-DDR und die Ex-BRD gewaltig: bei den nicht ehelichen Geburten. Deren Anteil ist zwischen Rügen und Erzgebirge deutlich höher als zwischen Sylt und Oberstdorf. Offenbar hat das aber nichts mit DDR und BRD zu tun, wie nun manche vermuten könnten. Der Bevölkerungsforscher Sven Klüsener hat herausgefunden, dass dieser Unterschied sehr weit in die Geschichte zurückreicht und dass die Regionen der heutigen ostdeutschen Länder schon im 18. Jahrhundert eine andere Entwicklung nahmen. Heute sind im Osten 58,8 Prozent der Kinder nicht ehelich, im Westen sind es dagegen nur 28,4 Prozent. Die jeweiligen Extremwerte findet man in der Ostprignitz mit 70,9 Prozent und im Alb-Donau-Kreis mit 16,7 Prozent.

Im Osten sind die Mütter weiter jünger

Ganz ähnlich sah es, wenn auch mit niedrigeren Werten insgesamt, in den 1920er Jahren aus, als im Westen maximal neun Prozent der geborenen Kinder als nicht ehelich eingetragen wurden, im Osten dagegen bis zu 18 Prozent.
Klüsener, der am Max-Planck-Institut für demografische Forschung in Rostock arbeitet, hat dafür eine ganze Reihe von Gründen gefunden, wirtschaftliche, konfessionelle, rechtliche. So waren in den katholischen Gebieten die Zahlen stets geringer (mit der allerdings gewaltigen Ausnahme von Ober- und Niederbayern), aber auch in den protestantischen Gebieten mit hoher Kirchenbindung wie Hannover oder Nordhessen. Im ostelbischen Preußen dagegen, in Mecklenburg und Sachsen hatten die Kirchen weniger Einfluss, dort gab es mehr Wanderarbeiter und landlose Saisonarbeiter, zudem war die Frauenerwerbsquote teils höher als im Westen, weshalb der Zwang zur Ehe nicht ganz so stark war. Im Westen und Süden dagegen gab es auf dem Land viele Kleinbauern, unter denen die Nichtehelichkeit von Kindern wenig akzeptiert war, weil man Erbstreitigkeiten fürchtete.
Auch heute noch gibt es sozioökonomische Unterschiede: Im Osten sind die Mütter jünger (da dürfte das Geburtsverhalten aus der DDR-Zeit nachwirken), die Arbeitslosigkeit ist höher und der Anteil der Konfessionslosen auch.

In Bayern war Nichtehelichkeit akzeptiert

Doch ist der Osten damit nicht etwa ein Sonderfall – der Westen ist es. Im europäischen Vergleich, hat Klüsener festgestellt, ist der Anteil nicht ehelicher Kinder in West- und Süddeutschland deutlich unter dem Schnitt.
Und wie ist das nun mit Ober- und Niederbayern? Dort war bis vor 50, 60 Jahren der Anteil nicht ehelicher Kinder extrem hoch – höher sogar als im ostdeutschen Schnitt. Das hing damit zusammen, dass es in Bayern viele große Höfe auf dem Land gab, wohlhabende Bauern, bei denen es Tradition war, erst zu heiraten, wenn man den Hof geerbt hatte. Vor Mitte 30 war das oft nicht der Fall, Kinder hatten nicht wenige aber schon vorher – mit ihrer Verlobten, die dann auch zur Ehefrau wurde. Das erklärt laut Klüsener allerdings den hohen Nichtehelichenanteil nur zum geringeren Teil – der größere Rest kam daher, dass Nichtehelichkeit eben auch bei einfacheren Leuten, den Landarbeitern etwa, akzeptiert wurde. Was der Großbauer darf, das dürfen auch Knecht und Magd und alle anderen im Dorf. Bayerische Liberalität sozusagen.

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