Politik : Ehemalige Sowjetrepubliken suchen Anschluss an die Nato

Elke Windisch

Fünfundvierzig Minuten Redezeit hatte die russische Duma dem weißrussischen Präsidenten Alexander Lukaschenko zugestanden. Doch dieser strapazierte seine Zuhörer ganze anderthalb Stunden, um für den Unionsvertrag der beiden slawischen Brüder zu werben, der Ende November unterzeichnet werden soll. Widerstände gegen das Projekt fegte er mit einem Satz weg: Russland ist dringend auf uns angewiesen.

Ganz schief liegt der bekennende Hitler-Verehrer Lukaschenko damit nicht. Vor dem Hintergrund des zweiten Tschetschenienkriegs drängen Moskaus südliche Nachbarn mit Macht in die Nato. Allen voran Georgien, das ein Überschwappen des Konflikts auf das eigene Gebiet befürchtet.

"Nieder mit dem verfaulten russischen Imperium", forderten in Tiflis vor Moskaus Botschaft radikale Oppositionelle. Staatschef Eduard Schewardnadse, 71, legte im Staatsfernsehen nach: Sollte er im nächsten April als Präsident wiedergewählt werden, würde Georgien spätestens im Jahre 2005 "laut bei der Nato Einlass begehren".

Katastrophale Wirtschaftsdaten und die reale Gefahr, dass Georgien in mehrere, nach dem Stammesprinzip organisierte Zwergstaaten zerfällt, hatten den ehemaligen sowjetischen Außenminister Schewardnadse bewogen, 1994 der von Russland dominierten UdSSR-Nachfolgegemeinschaft GUS beizutreten. Nachdem Moskau sich als Vermittler im Konflikt zwischen der Zentralregierung in Tiflis und den georgischen Minderheiten diskreditiert hatte, riss Schewardnadse das Steuer herum und setzt konsequent auf Annäherung an den Westen. 1996 vereinbarte Georgien mit der Ukraine, Moldawien und Aserbaidschan eine gemeinsame Wirtschaftszone - GUAM. Ihr schlossen sich im letzten Frühjahr auch die zentralasiatischen Republiken Usbekistan, Turkmenien und Kirgisien an. Das Bündnis setzt auf Wirtschaftskooperation und auch auf militärische Zusammenarbeit

Die georgische Armee, 33 000 Mann stark, wird von Amerikanern und Deutschen ausgebildet und auf Nato-Standard umgerüstet. Schewardnadse ließ im Westen bereits Waffen und schnelle Küstenschutzboote ordern. Bis zum 1. November müssen alle russischen Grenzer das Land verlassen. Auf dem OSZE-Gipfel Mitte November in Istanbul will Schewardnadse gar einen Beschluss erwirken, der Moskau zum etappenweisen Abzug seiner Truppen verdonnert. Gegenwärtig stehen in Georgien 9000 russische Soldaten. Der Vorstoß hätte gute Karten: Moskau, das seit dem Tschetschenienkrieg mit insgesamt 90 000 Soldaten im Kaukasus präsent ist, hat damit seine vom Abkommen über die Reduzierung konventioneller Rüstungen in Europa vorgesehenen Quoten erheblich überschritten.

Auch die Ex-Sowjetrepublik Aserbaidschan strebt langfristig die Nato-Mitgliedschaft an. Zu allem Ungemach droht Russland nun auch noch der Verlust Armeniens, das bislang Treue bewies. Der Grund: Durch Vermittlung der USA zeichnet sich in dem elfjährigen Konflikt um Berg-Karabach - einer zu Aserbaidschan gehörenden Exklave, in der mehrheitlich Armenier leben - eine Lösung ab. Auch hier hatte Moskau als Mittler versagt. Nun klopft US-Sonderbotschafter Strobe Talbott letzte Details eines Abkommens mit den Präsidenten Armeniens und Aserbaidschans - Robert Kotscharjan und Haidar Alijew - fest, das ebenfalls beim OSZE-Gipfel unterzeichnet werden soll.

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