Politik : Ehemalige Sowjetunion: Das lautlose Verschwinden einer Weltmacht

Alexander Loesch

Im Dezember 1991 hat sich die Welt grundsätzlich geändert: Die für ihre Zweiteilung verantwortliche Sowjetunion verschwand von der globalen Bühne. Sie unterlag im Wirtschaftswettbewerb mit den USA. Doch wann genau geschah es? War es am 7./8. Dezember, als die damaligen Präsidenten Russlands, der Ukraine und Weißrusslands, Boris Jelzin, Leonid Krawtschuk und Stanislaw Schuschkjewitsch, in der Nähe von Minsk die Gründung der Gemeinschaft Unabhängiger Staaten (GUS) als eine freiheitliche Nachfolgerin der sowjetischen Zwangsgemeinschaft vereinbarten? War es vier Tage später, als acht nichtslawische Republiken der GUS beitraten? War es am 21. Dezember, als die elf angehenden GUS-Partner die UdSSR per Dekret aufgelöst hatten, oder erst ganz am Ende des Jahres 1991, zu dem sie offiziell zu bestehen aufhörte?

Das genaue Datum ist letztlich zweitrangig. Vielleicht werden sich künftige Historiker auf das Jahresende 1991 einigen, es lässt sich besser merken. Für die Geschichtsbücher künftiger Generationen aber viel wesentlicher festzuhalten ist, dass sich das Sowjetimperium von innen und ohne Blutvergießen auflöste. Nach der Wende in Ostmitteleuropa zwei Jahre zuvor, als zur Verblüffung selbst vieler Experten die sowjetische Führung unter Michail Gorbatschow die dortigen Satellitenstaaten in die Freiheit entließ, war schließlich die politische Haltbarkeit des starren Systems auch in der UdSSR abgelaufen. Die Reformpolitik Gorbatschows stieß auf ideologische Grenzen im Machtapparat, der dann versuchte, die alte Ordnung zurückzuputschen.

Doch der versuchte Staatsstreich am 21. August 1991 erwies sich als Bumerang für seine Initiatoren. Der Auflösungsprozess wurde nur noch beschleunigt. Im Laufe der nachfolgenden Monate wurden die verspäteten national-emanzipatorischen Bewegungen der Russen, Ukrainer und Weißrussen beständig größer. Ein immer stärkerer Prozess der Rückbesinnung auf eigene Traditionen der Georgier, Armenier und Aserbaidschaner sowie der Völker Zentralasiens verlief parallel dazu.

Das Ende der Sowjetunion war nicht nur überraschend friedlich, sondern verlief sogar mit anekdotischen Pointen: Der damalige US-Präsident George Bush erfuhr nach Angaben des weißrussischen Ex-Staatschefs Stanislaw Schuschkjewitsch von der GUS-Gründung und daher vom nahenden Ende der Sowjetunion schneller als Gorbatschow. "Ich versuchte auf einer hochgeheimen Regierungsleitung zehn Minuten lang vergeblich, Michail Sergejewitsch (Gorbatschow) zu erreichen", sagte Schuschkjewitsch unlängst in einem Interview der Zeitung "Moskowskij Komsomolez". Dem damaligen russischen Außenminister Andrej Kosyrew sei es auf einer Ortsleitung hingegen in kürzester Zeit gelungen, der US-Regierung die Nachricht vom Ende des Hauptgegners im Kalten Krieg zu überbringen. In Moskau erfuhr Gorbatschow erst kurze Zeit später von der bevorstehenden Auflösung seines Staates. Und Kosyrew hatte am achten Dezember vor zehn Jahren Schuschkjewitsch zufolge unfreiwillig für noch eine weitere komische Situation gesorgt: Er habe den handgeschriebenen Entwurf des GUS-Gründungsvertrages, der abgetippt werden sollte, aus Versehen nicht unter die Tür der Sekretärinnen, sondern eines Wachmanns geschoben. "Der sah, dass irgendein Blödsinn auf dem Papier geschrieben steht, und schmiss es weg", sagte Schuschkjewitsch. "Erst nach einer Stunde fiel der Fehler auf, und das historische Dokument wurde aus dem Mülleimer geholt."

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