Politik : Ehemalige Sowjetunion: "Es war bei weitem nicht alles schlecht"

Alexander Loesch

Ob er die Auflösung der Sowjetunion bedauert? "Natürlich", sagt ohne Wenn und Aber der russische Botschafter in Berlin, Sergej Krylow, dem Tagesspiegel. "Es war ein Land, in dem ich geboren wurde und dann vierzig Jahre gelebt habe, ein Land, in dem ich groß geworden bin, wo ich studierte. Dort bin ich das geworden, was ich heute bin. In der Sowjetunion war bei weitem nicht alles schlecht. Also, es ist ein ganz natürliches Gefühl", verteidigt Krylow (52) seine Nostalgie. Die letzten zehn Jahre, den Aufbruch Russlands zur Demokratie und Marktwirtschaft, sieht Krylow differenziert. Die Wende in der Wirtschaftsstruktur wie auch die neuen bürgerlichen Freiheiten und die Achtung der Menschenrechte seien zu begrüßen. Auf der anderen Seite habe der Zerfall der UdSSR in 15 Staaten die tiefe Wirtschaftskrise zunächst noch verschlimmert. Die Menschen hätten "eine ganze Reihe von sozialen Sicherheiten" verloren.

Krylow, Absolvent der sowjetischen diplomatischen Kaderschmiede, des Moskauer Instituts für Internationale Beziehungen, und seit 1971 im diplomatischen Dienst, gibt zu, dass der Sowjetstaat angesichts des einstigen "äußerst ideologisierten" Ost-West-Konflikts in dem ausschlaggebenden wirtschaftlichen Wettstreit unterlag. Die wachsenden Probleme seien zuvor freilich auch innerhalb des sowjetischen Systems mit Sorge wahrgenommen worden. "Seit gut zehn Jahren vor dem Ende der Sowjetunion gab es innerhalb der KP, der Regierung und aller anderen Organisationen etwas, was ich inneres Dissidententum nennen möchte", sagt Krylow. Diese innere Opposition emanzipierte sich von dem alten dogmatischen Denken. "Dass Gorbatschow 1985 an die Macht kam, könnte noch als ein Zufall gesehen werden. Dass aber mit ihm die Perestrojka-Kräfte kamen, das war kein Zufall."

Krylow wendet sich zugleich gegen Skeptiker, die die demokratische Gesinnung des heutigen russischen Staatspräsidenten Wladimir Putin angesichts dessen KGB-Vergangenheit anzweifeln. Damals sei es eine völlig andere Zeit gewesen. Die herrschende KPdSU sei praktisch mit dem Staat identisch und somit "keine Partei im westlichen Sinne" gewesen. Die KP kontrollierte alles, auch die Geheimdienste. Doch wichtig sei, dass Putin bei der Auslandsabwehr war. "Glauben Sie mir", betont Krylow, "alle auswärtigen Geheimdienste funktionieren in fast allen Ländern gleich, sie richten ihre Arbeit nach nationalen Interessen und nicht nach Ideologie aus."

Unter Putins Führung sieht Krylow einen Aufwärtstrend. Das durchschnittliche Wirtschaftswachstum betrage sechs Prozent, der soziale Abstieg der Menschen sei gestoppt worden. Im Gegensatz zu den Jelzin-Zeiten herrsche wieder Ordnung. All dies sei die Ursache dafür, dass die Kommunisten stiller geworden seien - "weil es immer weniger zu kritisieren gibt". Früher hätten rund 50 Prozent der Russen die KP unterstützt, heute seien es nur etwa 20 Prozent.

Russlands Demokratie sei gesichert, sagt der Botschafter. Außenpolitisch verfolge die Russische Föderation "wie jeder andere Staat" zunächst ihre eigenen Interessen. Für die künftigen Beziehungen zum Westen und umgekehrt sei wichtig: "Weniger Ideologie und mehr Respekt für die nationalen Interessen der Staaten untereinander."

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