Politik : Ehrenvorsitzender Hans Modrow über die Krise der PDS (Interview)

Ostdeutsche Sozialdemokraten haben reformorientier

Ostdeutsche Sozialdemokraten haben reformorientierte PDS-Mitglieder zum Wechsel in die SPD eingeladen. Fürchten Sie Abgänge?

Nein. Gregor Gysi hat eine eindeutige Erklärung dazu abgegeben. Die spricht für sich.

Dennoch behauptet der PDS-Reformer Dietmar Keller, dass der PDS der Kern fehle.

Die Frage ist, welchen Kern der PDS Dietmar Keller überhaupt meint. Ich vermute, er sieht einen ganz anderen Kern als ich. Keller gehört aus meiner Sicht leider überhaupt nicht mehr zum Kern der PDS, sondern befindet sich auf einem Rand unserer Partei. Von einem solchen Rand ist dann die Gesamtsicht auf die PDS immer schwierig.

Nicht nur Keller, auch der scheidende Parteichef Bisky will, dass die PDS eine sozialdemokratische Plattform bekommt - als Gegengewicht zu den Traditionalisten.

Die PDS hatte schon mal Mitte der 90er Jahre eine sozialdemokratische Plattform, das wäre also nichts Neues. Die sozialdemokratische Plattform hörte dann aber einfach auf, tätig zu sein. Ich sehe auch gegenwärtig keine Kraft, um eine solche Gruppe wiederzubeleben. Auch jene, die aus der Sozialdemokratie zur PDS gekommen sind, wie Diether Dehm und andere, haben bis jetzt keine Ambitionen gezeigt, sich zu einer sozialdemokratischen Plattform in der PDS zu vereinen.

Nach dem Münsteraner Parteitag, dem angekündigten Abgang von Bisky und Fraktionschef Gysi, steckt Ihre Partei in einer Führungskrise. Wie kann sie herauskommen?

Alle Parteien leben, wenn es um Übergänge geht, im Wechsel der Generationen. Das heißt nicht, dass die Situation für uns nach Münster einfach ist. Dieser Generationswechsel wird nicht unkompliziert, aber er lässt sich gestalten. Wichtig ist, die Basis einzubeziehen. Die Eliten sollen nicht glauben, dass sie die Aufteilung künftiger Verantwortung unter sich ausmachen können.

Und am Ende steht womöglich eine Mitgliederbefragung zum neuen Parteivorsitz?

Wir brauchen eine basisorientierte Debatte, bei uns könnte das heißen Basiskonferenzen im regionalen Bereich. So etwas stelle ich mir nicht nur vor, ich wünsche das ganz unbedingt. Bevor überhaupt die Delegierten für den 7. Parteitag gewählt werden, sollten in den nächsten vier bis sechs Wochen solche Basiskonferenzen stattfinden, auf denen über Inhalte des Parteitages und auch über Personen diskutiert werden sollte.

Was halten Sie von Kampfkandidaturen?

Wer sich gegenwärtig auf Kampfkandidaturen einlässt, wird gar nichts gewinnen. Wer nicht an die Basis geht und mit denen diskutiert, die am Ende eine neue Führung wählen, wird scheitern. Das war auf unserem letzten Parteitag doch hinreichend zu erleben: Wer nicht in die Partei, sondern nur auf sich schaut, wird nicht begreifen, warum Beschlüsse wie in Münster gefasst werden. Das Gespräch führte Matthias Meisner

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