Politik : Ehrung für eine Entführte

Die Kolumbianerin Ingrid Betancourt erhält den Petra-Kelly-Preis

Christian Böhme

Den 23. Februar vergisst Juan-Carlos Lecompte nie. An diesem Tag steht seine Frau Ingrid frühmorgens auf, um nach San Vincente zu fahren, mitten ins Gebiet der linksgerichteten Farc-Guerilla im Südosten Kolumbiens. Sorgen macht sich Lecompte nicht. Immerhin ist die Grünen-Politikerin und Präsidentschaftskandidatin schon häufig dort gewesen, um mit den Rebellen über Frieden zu verhandeln. Unruhig wird er erst am Abend. Seine Frau hat sich immer noch nicht gemeldet. Das tut dann gegen 20 Uhr ein Polizeibeamter aus San Vincente. Die 40-jährige Politikerin sei verschleppt worden. Erst drei Tage später meldet sich die Farc und bekennt sich zu der Entführung.

Neun Monate ist das jetzt her. Seitdem versucht Lecompte, eine direkte Verbindung zu seiner Frau herzustellen. Vergeblich. „Es war die schrecklichste Zeit meines Lebens“, sagt er im Gespräch mit dem Tagesspiegel. Aber die Hoffnung gibt er nicht auf. Am Freitagabend hat der Kolumbianer stellvertretend für Ingrid Betancourt den Petra-Kelly-Preis der Heinrich-Böll-Stiftung in Berlin entgegengenommen. Damit wird ihr Engagement für Menschenrechte und gegen die Gewalt in ihrer Heimat gewürdigt. Diese Auszeichnung, hofft Lecompte, könne für sie zu einer Lebensversicherung werden. Denn eines steht für ihn fest: Nur internationaler Druck – auf die Regierung in Bogota und auf die Guerilla – kann helfen, seine Frau freizubekommen. Dass die politische Führung um Präsident Uribe von sich aus ihn dabei unterstützt, damit hat der Grünen-Politiker nie ernsthaft gerechnet. „Kolumbien ist ein korruptes Land, in dem die Armen unterdrückt werden und Krieg herrscht, ein Krieg, der jedes Jahr tausende Menschen das Leben kostet und ebenso vielen die Lebensgrundlage nimmt. Von den zahllosen Entführungen ganz abgesehen.

Und noch etwas lässt Lecompte am guten Willen der Verantwortlichen zweifeln. Ingrid Betancourt hat in den vergangenen Jahren keine Gelegenheit ausgelassen, das Establishment in ihrer Heimat anzugreifen. Die alltägliche Missachtung der Menschenrechte, der nicht enden wollende Bürgerkrieg und die Bestechlichkeit der Oberschicht – all das prangerte sie öffentlich an. Als sie noch Wahlkampf machen konnte, verteilte Betancourt in den Straßen Bogotas Kondome. Gegen die Korruption im Lande, erklärte sie den Menschen, „die Aids-Krankheit Kolumbiens“.

Wie weit diese „Krankheit“ fortgeschritten sei, habe seine Frau zu Beginn ihrer politischen Karriere im Außenhandelsministerium selbst erlebt, sagt Lecompte. „Die zuständige Ministerin hat ihrem Ehemann lukrative Aufträge verschafft.“ Und das sei von Betancourt bekannt gemacht worden. Lakonisch fügt er hinzu: „Heute ist diese Ministerin für die Verteidigung zuständig – und damit für den Kampf gegen die Farc-Guerilla.“ Und in diesem Kampf setze die Regierung nur auf Gewalt. Doch davon will Lecompte nichts wissen. Auch eine Befreiung seiner Frau mit militärischen Mitteln hat er als viel zu gefährlich abgelehnt. So bemüht sich der Grünen-Politiker, auf eigene Faust etwas zu erreichen. So war er schon oft in Gefängnissen, um von inhaftierten Guerilleros etwas über seine Frau zu erfahren. Erfolglos. Dennoch denkt Lecompte nicht ans Aufgeben. Ja, sollte Ingrid Betancourt bald freikommen, würde er ihr vorschlagen, trotz allem im Lande zu bleiben. „Um weiter für Gleichheit und Menschenrechte zu kämpfen.“

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