Politik : "Eigener Sektor für Moskau zu teuer"

CLAUDIA LEPPING[ELKE WINDISCH]

SKOPJE, MOSKAU . In Moskau und Bonn mehren sich Anzeichen dafür, daß es im Rahmen der KFOR-Friedenstruppe für Kosovo einen von Russen und Deutschen gemeinsam verwalteten Sektor geben wird. Die befürchtete Teilung des Kosovo durch eine starke, im Norden zur Grenze nach Serbien agierende russische Armee wäre damit vom Tisch. Dieser Diskussionsstand "entspreche wahrscheinlich der Wahrheit", hieß es am Freitag im russischen Fernsehen dazu. Bereits am Mittwoch hatte die Nachrichtenagentur Reuters unter Berufung auf den Radiosender Deutschlandfunk (DLF) gemeldet, deutsche Generäle hätten zu Wochenbeginn im Auftrag von Verteidigungsminister Rudolf Scharping mit hochrangigen russischen Militärs in Geheimgesprächen verhandelt.

Dabei haben sie sich offenbar darauf verständigt, daß zwei russische Bataillone mit 1000 Mann gemeinsam mit den deutschen Soldaten im Raum Prizren im Süden des Kosovo eingesetzt würden. Dabei sollten ein russischer und ein bundesdeutscher General abwechselnd das Kommando führen. Die "Berliner Zeitung" meldete, daß das Kommando halbjährlich wechseln soll.

Der Plan zwischen Bonn und Moskau dagegen sieht russischen Informationen zufolge auch vor, beim KFOR-Kommando in Pristina von General Mike Jackson einen russischen Verbindungsoffizier einzusetzen, der die Verbindung zur russischen Regierung in Moskau einerseits und zur Nato andererseits sicherstellt.

Das russische Verteidigungsministerium lehnte bei einer telefonischen Nachfrage jeden Kommentar zu den Meldungen ab, dementierte jedoch nicht. Ein Mitglied des Duma-Sicherheitsausschusses indes, der namentlich nicht genannt sein wollte, bestätigte die Richtigkeit der Information, sagte jedoch, daß Rußland diese Variante nur als Ersatzlösung geplant hätte, falls die Einigung über einen eigenen russischen Sektor bei den Verhandlungen in Helsinki scheitern sollte. Dies, so der Abgeordnete, habe Boris Jelzin auch gemeint, als er am Donnerstag drohte, "noch etwas in der Hinterhand zu haben, um die USA zu überzeugen", falls die Verhandlungen scheitern.

In Moskau hieß es, die russischen Einheiten sollten entsprechend der Regelung von Bosnien in die Kommandostruktur der KFOR eingefügt werden. In der Praxis könnte sich die deutsch-russische Einheit tatsächlich ein Beispiel an Bosnien nehmen. Dort arbeiten seit dreieinhalb Jahren internationale Kontingente in der SFOR-Friedenstruppe zusammen. Im Bundeswehrfeldlager Rajlovac bei Sarajevo tun Deutsche, Franzosen, Ukrainer und Albaner in gemeinsamen Zügen ihren Dienst. In der herzegowinischen Stadt Mostar gibt es eine deutsch-spanische Brigade. Dabei handelt es sich um gleichberechtigte Kommandostrukturen und ein Höchstmaß an Koordination. Im Kosovo könnten die Einheiten von Russen und Deutschen ihre eigenständige Kommandogewalt behalten, wenn sich nur die Leitstäbe auf eine einheitliche Strategie verständigen. Schwierig wird zunächst allerdings sein, die Kommunikations- und Waffensysteme aufeinander abzustimmen. In Bosnien waren 1996 zwölf unterschiedliche Telefonsysteme aufeinandergestoßen. Es dauerte ein Jahr, sie kompatibel zu machen.

Ein Oberstleutnant der Bundeswehr nannte die Idee einer deutsch-russischen Kooperation "gar nicht verkehrt. Für Moskau ist ein Alleingang mit eigenem Sektor doch viel zu teuer."

Dessen ungeachtet erörtern Nato und russische Generale auch die Option, das russische Kontingent den Franzosen im Norden der Provinz zu unterstellen. Dies wiederum hieße, daß eine politische Trennlinie im Kosovo noch immer nicht ausgeschlossen ist.

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