• Ein Absturz, der auch den Liebling der grünen Basis, Umweltministerin Bärbel Höhn, nachdenklich macht

Politik : Ein Absturz, der auch den Liebling der grünen Basis, Umweltministerin Bärbel Höhn, nachdenklich macht

Thomas Kröter

Manchmal ist so eine Doppelspitze ganz schön praktisch. An Wahltagen zum Beispiel, irgendwo draußen im Lande. Wenn andernorts das Spitzenpersonal sich entscheiden muss, wo es auftritt, brauchen die Grünen nur die Frage zu beantworten: Wer, wo? In diesem Fall hat Gunda Röstel Düsseldorf vorgezogen, Antje Radcke trat in Berlin vor die Hauptstadtmedien. Mögen sie in ihrer Amtszeit auch so recht nicht harmoniert haben, an einem solchen Abend stimmen sie sich per Handy ab - um dann fast gleichlautend zu verbreiten, dass dieser Stimmenrückgang in NRW zwar schmerze, aber in Wirklichkeit keine richtige Niederlage sei, sondern eine Konsolidierung. Das Muster gab es schon in Kiel. Nun also Düsseldorf.

Und ganz falsch ist es ja nicht. Als die Grünen vor fünf Jahren in Düsseldorf zehn Prozent der Wählerstimmen einheimsen konnten, da war Johannes Rau als Ministerpräsident im Herbst seiner Karriere, und auch auf Bundesebene sah die SPD ziemlich alt aus. Doch die SPD hat sich mit Gerhard Schröder und Franz Müntefering gefangen. Und dafür schwächeln die Grünen, seit sie den größten Erfolg ihrer Geschichte einfahren konnten und im Bund mitregieren dürfen.

Ziemlich ermattet hat die Fraktionsvorsitzende im Bundestag, Kerstin Müller, ihre Parteifreunde am Rhein im Wahlkampf erlebt. Nicht überall erging es ihnen nämlich so wie bei ihr daheim in Köln, wo die Rechtsanwältin Anne Lüttkes bei der Direktwahl zum Oberbürgermeister in die Stichwahl kam. Prompt warb Heide Simonis sie als Justizministerin nach Kiel ab. Ansonsten verloren die Grünen im größten Bundesland ein Drittel ihrer kommunalen Mandate. Das schmerzt ähnlich wie die Verluste der SPD, die in einstigen roten Hochburgen nun schwarze Bürgermeister oder schwarzgelbe Mehrheiten ertragen muss.

Apropos gelb. Blaugelb ist die Farbe der FDP. Die Konkurrentin um den dritten Platz im Parteienspektrum war die Rettung. Genauer gesagt, ihr Spitzenkandidat Jürgen Möllemann. Noch genauer gesagt: dessen Techtelmechtel mit Ministerpräsident Clement. Sozialliberal mit dem alten Hallodri? Das brachte Adrenalin in die müden Wahlkämpfer-Adern, berichtet Kerstin Müller. Und vor allem: Der liberale SPD-Stratege bestätigte damit genau die Wahlkampflinie der Grünen. "Wer Rotgrün will, muss Grün wählen", so war der Slogan für die Schlussphase des Wahlkampfes schon geplant, ehe ausgerechnet die konservative "Welt" mit einem Bericht über ein angebliches Geheimtreffen Clement-Möllemann die Spekulationsküche mächtig anheizte.

Plötzlich hatte die grüne Basis wieder Lust, sich an den Infoständen die Beine in den Bauch zu stehen. Und man fand auch Zuspruch von den Freunden in der SPD-Linken, die unter dem zornigen Modernisierer Wolfgang Clement wenig zu lachen haben. Dass der lieber mit dem Möllemann als mit der Bärbel Höhn ... plausibel klang das schon. Die grüne Umweltministerin ist nicht nur Clement ein Dorn im Auge. Auch Joschka Fischer hat sie wegen ihres konsequenten Nein zum Kosovo-Krieg schon verärgert - und sich damit die Chance auf einen Wechsel als EU-Kommissarin nach Brüssel verscherzt. Aber so ist sie eben. Seit er sie kenne, habe er Jürgen Trittin schätzen gelernt, soll der frisch von der Spree an den Rhein gewechselte SPD-Wirtschaftsminister Siegmar Mosdorf gestöhnt haben.

Aber es gibt ja noch Michael Vesper. Der ist Bauminister, Oberrealo und so etwas wie der Fischer von Düsseldorf. Er hält den Kontakt zum Regierungschef. Er ist der Garant der Koalition. Wenn die SPD die Koalition im neuen Landtag fortsetzen will, werden es die Grünen dem Partner und sich selbst einfacher machen als in der vorigen Legislaturperiode. Lauter Koalitionsanhänger, heißt es. Das lässt auch die Bundesgrünen aufatmen. Denn ein Koalitionsbruch in Düsseldorf, von den eigenen Leuten heraufbeschworen - das wäre genauso eine Katastrophe, wie wenn Clement mit Möllemann fremdginge.

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