Politik : Ein angekündigter Tod

Beim Sturm auf die Rote Moschee in Pakistan wurde deren Vizeleiter erschossen – er wollte als Märtyrer sterben

Ruth Ciesinger

Berlin - Rund eine Woche, nachdem die Kämpfe zwischen radikalislamischen Studenten der Roten Moschee und Pakistans Sicherheitskräften begonnen hatten, entschloss sich die Regierung offenbar zu handeln. Am frühen Dienstagmorgen stürmten Soldaten den Gebäudekomplex im Zentrum von Islamabad, nach Militärangaben starben dabei mindestens 50 Studenten und acht Sicherheitskräfte. Und Abdul Rashid Ghazi selbst, der Vizeleiter der Moschee, wurde getötet, meldete der pakistanische Sender Geo TV. Nach offiziellen Angaben starb Ghazi im Kreuzfeuer. Zuvor hatte ein Sprecher des Innenministeriums noch erklärt, Ghazis eigene Leute hätten ihn umgebracht, als er versucht habe, sich zu ergeben.

Kurz vor der „Operation Schweigen“ hatte Gahzi Geo TV in einem Telefonat gesagt, er rechne damit, als Märtyrer zu sterben. Er behauptete auch, seine Anhänger hätten mit nur 14 Kalaschnikows den Sicherheitskräften über eine Woche standgehalten. Ghazis Bruder Maulana Abdul Aziz dagegen, der bereits vor Tagen mit einer Burka verhüllt zu fliehen versucht hatte, hatte in den vergangenen Monaten wiederholt mit tausenden Selbstmordattentätern aus der Roten Moschee gedroht – sie würden die Hauptstadt überschwemmen, sollte die Regierung gegen das Gotteshaus und dessen beide Koranschulen vorgehen. Die Regierung hatte seit Beginn der Belagerung von Mitgliedern der Terrorgruppe Lashkar- e-Toiba berichtet, die sich auf dem Moscheegeländer verschanzt halten sollten.

Der jetzt im Alter 43 Jahren getötete Ghazi war in seiner Jugend, so berichten pakistanische Medien, ein eher moderater Muslim. Ein früherer Kommilitone beschreibt ihn als freundlichen, humorvollen Zeitgenossen, der mit Männern und Frauen gleichermaßen befreundet war. Nach seinem Universitätsabschluss soll Ghazi für das Erziehungsministerium gearbeitet und im dem Zusammenhang auch mit der Unesco zu tun gehabt haben. Sein Lebensstil jedenfalls soll seinen Vater Abdullah Aziz, den Gründer der Roten Moschee, so erbost haben, dass der sein Erbe vollständig dem anderen Sohn, Abdul Aziz, überließ.

Doch der Tod des Vaters muss Ghazi vollkommen verändert haben. Abdullah Aziz war 1998 auf dem Gelände der Roten Moschee vom Anhänger einer anderen islamistischen Gruppierungen erschossen worden. Seitdem leitete Maulana Abdul Aziz die Moschee, Gahzi wurde sein Stellvertreter. Aus dieser Zeit sollen auch seine engen Verbindungen zu Pakistans Geheimdienst ISI und den Taliban in Afghanistan herrühren.

Doch seit den Anschlägen vom 11. September 2001, so heißt es in einer Art Nachruf auf der Website von Geo TV, habe Ghazi sich immer weiter von seinen „staatlichen Unterstützern entfernt“. Kein Wunder, schließlich sah sich die Regierung von Präsident Pervez Musharraf zu einer 180-Grad-Wendung in ihrer Politik gegenüber dem afghanischen Taliban-Regime gezwungen, wollte sie nicht zum nächsten Angriffsziel der Amerikaner werden. Ghazi, der seit einem missglückten Attentatsversuch immer eine Kalaschnikow bei sich getragen haben soll, stand zuletzt zusammen mit seinem Bruder für die Talibanisierung Pakistans. Als Demonstration seines Willens hatte der Vizechef der Moschee auf dem Komplex bereits ein eigenes Scharia-Gericht eingeführt.

Mögliche Folgen von Ghazis Tod waren am Dienstag nicht abzusehen. Zuvor hatte jedoch die MMA, der Zusammenschluss mehrerer religiöser Parteien, zum ersten Mal offiziell zu Protesten wegen des Angriffs auf die Rote Moschee aufgerufen. Bis dahin hatte sich die MMA zurückgehalten; die einzigen großen Proteste waren aus den so genannten Stammesgebieten an der Grenze zu Afghanistan gemeldet worden. Das Verhalten der beiden Brüder aus der Roten Moschee war im Gegenteil sogar kritisiert worden.

Journalisten in Islambad gehen davon aus, dass trotz des Ende des Konfliktes die Position von Pervez Musharraf geschwächt sei. Zwar habe die Mehrheit der Bevölkerung das Vorgehen gegen die Rote Moschee unterstützt. Doch dass sich die Kämpfe so lange hingezogen hätten, zeige schlechtes Krisenmanagement. Zudem würden sich immer mehr Menschen fragen, weshalb die Regierung erst so spät gehandelt habe.

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