Politik : Ein Angriff auf einen "Pfeiler der Macht"

STEPHAN ISRAEL

BELGRAD .Über dem Haupttrakt des serbischen Staatsfernsehens steigt auch am Freitag morgen noch Rauch auf.Bauarbeiter sind dabei, Trümmer wegzuräumen.Hunderte von Mitarbeitern des staatlichen Radio- und Fernsehprogramms stehen hinter den Absperrungen.Der Schock steht ihnen ins Gesicht geschrieben.Unter den Trümmern werden noch Opfer vermutet.Im Haus im Zentrum der Stadt wird rund um die Uhr gearbeitet.

Es war Freitag kurz nach zwei Uhr früh, als der Marschflugkörper der NATO das Gebäude traf.Es sollen sich zu diesem Zeitpunkt rund 70 Leute dort befunden haben.Das Geschoß schlug angeblich in einem der Studios ein.Wenige Minuten zuvor waren die stündlichen Nachrichten verlesen worden.Kurz nach dem Einschlag des Geschosses fielen alle drei Kanäle des serbischen Staatsfernsehens aus.Auf dem Bildschirm war für einige Stunden nur Flimmern zu sehen.Doch bereits kurz nach sechs Uhr früh ging das Staatsfernsehen offenbar aus einem Notstudio wieder auf Sendung.Im Laufe des Tages kam es aber immer wieder zu Unterbrechungen im Programm, und außerhalb Belgrads herrscht in weiten Teilen Serbiens Funkstille.Nach jugoslawischen Angaben forderte der Angriff mehr als zehn Todesopfer.Weitere 18 Journalisten und Techniker seien verletzt worden, sagte Goran Matic, Bundesminister ohne Geschäftsbereich.Die genaue Zahl der Opfer sei schwer festzustellen.

Seit der Einführung der Zensur müssen auch ausländische Sender die Einrichtungen des serbischen Staatsfernsehens zur Übermittlung ihrer Bilder nutzen.Einige hatten angeblich in den vergangenen Tagen bereits gebuchte Abendtermine in Erwartung eines NATO-Angriffs abgesagt.Der jugoslawische Minister Goran Matic hatte diese Woche gewarnt, das Fernsehgebäude sei eines der nächsten Ziele der NATO.Ausländische Journalisten waren von Matic und den Militärbehörden zu einer Besichtigungstour eingeladen worden.In der Vergangenheit hatten die Behörden in Belgrad Gebäude geräumt, wenn Angriffe zu erwarten waren.

Bei der NATO in Brüssel sieht man das serbische Staatsfernsehen als Teil der Kriegsmaschinerie von Präsident Milosevic.In der Tat ist das Serbische Staatsfernsehen (RTS) neben der Polizei der wichtigste Pfeiler der Macht des Regimes.Vor allem außerhalb der größeren Städte ist das Fernsehen das einzige Informationsmittel.Kaum jemand kann es sich im verarmten Land leisten, regelmäßig eine Tageszeitung zu kaufen.Die Eskalation im Kosovo wird seit mehr als einem Jahr schon propagandistisch begleitet.In den vergangenen Tagen wurde darüber berichtet, daß sich das Leben im Kosovo "normalisiert" habe, und daß dort Frieden herrsche.

In den Abendnachrichten wird dem Volk die Weltlage aus Belgrader Sicht erklärt.An erster Stelle kommt immer Slobodan Milosevic mit seinen Gästen.Die Besuche des weißrussischen Präsidenten Lukaschenko oder des Patriarchen der russisch-orthodoxen Kirche wurden über 20 Minuten lang zelebriert.Der russische Sondergesandte Viktor Tschernomyrdin mußte sich da schon mit weniger Zeit zufrieden geben.Gezeigt werden staatsmännische Bilder, und es wird Harmonie demonstriert.Doch worüber Milosevic und Tschernomyrdin gesprochen haben, weiß das Publikum auch am Freitag noch nicht.In Belgrad will man zuerst die Reaktionen der Außenwelt abwarten, bevor dem einheimischen Publikum das "Geheimnis" enthüllt werden soll.

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