Politik : Ein Anwalt für Milosevic?

Caroline Fetscher

Wer im Juni 1999 in die südserbische Provinz Kosovo kam, roch nicht nur den Qualm ausgebrannter Häuser und den Gestank herumliegender Tierkadaver. In den ersten Tagen nach Kriegsende lag auch der Geruch von brennendem Papier in der Luft. Vor ihrem Abzug hatten serbische Soldaten vernichtet, was in niemandes Hände fallen sollte: Akten, Dokumente, Korrespondenz. Vor allem sollten diese Papiere nicht in eine friedliche niederländische Stadt gelangen: nach Den Haag.

Der frühere Machthaber Jugoslawiens, Slobodan Milosevic, steht nun trotzdem vor dem UN-Kriegsverbrechertribunal in Den Haag. Offensichtlich nimmt er seinen Prozess allmählich ernster. Als er sich am Mittwoch äußern durfte, sprach er Richter Richard May direkt an. Er beklagte sich über mangelnde Reaktionen auf seine juristischen Bedenken und zur Legalität seines Transfers nach Den Haag. Er bestritt erneut die Legitimität des Verfahrens. Es sei ein "Lynch-Prozess" gegen ihn im Gang. Am Donnerstag will er dennoch ausführlich auf die Vorwürfe der Anklage eingehen.

Schon zuvor gab es Spekulationen darüber, dass Milosevic entgegen seinem festen Vorsatz doch noch einen Rechtsbeistand beauftragen könnte. Indiz dafür war ein Vorfall am ersten Prozesstag, als Milosevic handschriftliche Notizen, die er kontinuierlich anfertigt, einem der "Freunde des Gerichts" übergab, dem Anwalt Branislav Tapuskovic. Dieser und zwei weitere Rechtsexperten vertreten bisher auf Wunsch des Gerichts die Interessen des Angeklagten, der sich dies verbeten hatte. Es wird ernst um ihn, das scheint Slobodan Milosevic allmählich zu ahnen.

Geoffrey Nice und Dirk Ryneveld konzentrierten sich am zweiten Tag des Prozesses auf den Kosovo-Krieg. Nice präsentierte "Landkarten des Terrors", auf denen das Muster der Vertreibung der albanischen Bevölkerung nachvollziehbar wird. Es habe sich um eine geplante, systematische "ethnische Säuberung" des Territoriums gehandelt, sagte Nice.

Nice ist überzeugt, dass Milosevic vom ungesetzlichen Wüten und Marodieren seiner Soldateska informiert war, deren Tun anstiftete, duldete oder bewusst ignorierte. "Der Angeklagte verfügt über eine erhebliche Überzeugungskraft" warnte Geoffrey Nice. "Er ließ sein Volk stets glauben, Serbien befände sich überhaupt nicht im Krieg, der Krieg geschehe anderswo." Weder Serbien noch Slobodan Milosevic trügen dann Verantwortung für Kriegsverbrechen und Gräueltaten.

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