Politik : Ein Aufstand wie im Irak

Kriegsherr Hekmatjar droht den US-Truppen in Afghanistan – und auch die Unruhen im Norden weiten sich aus

Elke Windisch,Claudia von Salzen

Von Elke Windisch

und Claudia von Salzen

Der Krieg im Irak hat Afghanistan erreicht. Der Aufstand radikaler Schiiten sei „ein gutes Vorzeichen" dafür, dass die Bevölkerung „der fremden Besatzung" ein Ende setzen werde, hieß es in einer Erklärung, die vermutlich von Gulbuddin Hekmatjar stammt. Der Kriegsherr und Ex-Premier, der die afghanische Hauptstadt Kabul im Bürgerkrieg in Schutt und Asche legte, führt heute selbst einen „heiligen Krieg“ gegen die USA. Die Afghanen, heißt es in seiner neuen Erklärung, müssten versuchen, noch „vor den Irakern die Souveränität" zu erlangen, Das Papier ging am Sonntagabend per Telefax bei mehreren Lokalzeitungen in Peshawar ein. Die pakistanische Stadt an der Grenze zu Afghanistan ist Hochburg radikaler Organisationen.

Wann diese Erklärung entstand, ist nicht klar. Sie war unterzeichnet mit „Hekmatjar, Afghanistan“. Die Unterschrift des 55 Jahre alten Kriegsherren sei echt, behauptete ein Redakteur der Lokalzeitung „Wahdat“, die aus dem Aufruf auch ausführlich zitierte. Die Lage in Afghanistan, heißt es dort abschließend, zeige, dass die Zeit für einen Volksaufstand bald reif sei.

Das kommt der Wahrheit offenbar bedenklich nahe: Die jüngsten Kämpfe im Norden Afghanistans flauten nur vorübergehend ab. Dort versucht Usbeken-General Raschid Dostum offenbar sein einst unabhängiges Reich wieder zu beleben, zu dem in den neunziger Jahren sieben Provinzen gehörten. Anhänger Dostums und seines tadschikischen Rivalen Atta Mohammed lieferten sich nach Angaben beider Seiten in der Nacht zum Sonntag Gefechte in Kod-i-Bark. Etwa 500 Milizionäre Mohammeds hätten Häuser Dostums und seiner Parteiführer geplündert, sagte ein Sprecher des Usbeken. Ein Gefolgsmann Mohammeds warf den rivalisierenden Kämpfern Raketenangriffe vor, mit denen sie einen Vormarsch auf die umkämpfte Stadt Masar-i-Scharif vorbereiten wollten. Die Zentralregierung beorderte 750 Soldaten und 300 Polizisten in die Provinz, um die Ordnung wiederherzustellen. In Dostums Einflussbereich und in der Westprovinz Herat, wo sich Gouverneur Ismail Khan Ende März ebenfalls Schlachten mit den Einheiten des von Kabul ernannten Militärkommandanten lieferte, ist inzwischen gut ein Drittel der Soldaten der neuen afghanischen Armee gebunden.

Unterstützung bei der Stabilisierung des Landes bekommt die afghanische Regierung von den US-Soldaten, die im Rahmen der Operation „Enduring Freedom“ in Afghanistan gegen den Terror kämpfen, und den 4800 Soldaten der Nato-geführten internationalen Schutztruppe (Isaf). „Wir nehmen jede Drohung von Hekmatjar sehr ernst“, sagte ein Nato-Sprecher am Montag. Zugleich wies er darauf hin, dass es in der Vergangenheit bereits mehrfach Drohungen des Kriegsherren gegeben hat.

Beobachter gehen jedoch davon aus, dass der Chef der Hisb-e-islami inzwischen sehr stark an Macht verloren hat. Sein genauer Aufenthaltsort ist nicht bekannt. Anders als viele andere Kriegsherren, die zum Teil regelrechte Privatarmeen unterhalten, verfügt der frühere Premierminister derzeit nicht über eine starke Hausmacht in Afghanistan. Vertraute raunen, er habe sogar Probleme seine Leibwache auszuzahlen. Allerdings soll er versuchen, sich mit Taliban- oder auch Al-Qaida-Kämpfern zu verbünden. Die Taliban kündigten ebenfalls an, ihre Angriffe auf amerikanische Soldaten zu verstärken.

In den achtziger Jahren war Hekmatjar hingegen mit seiner militanten Hisb-e-islami der gefährlichste Gegner der sowjetischen Besatzer. Während des Bürgerkriegs in den neunziger Jahren wechselte er mehrfach die Seiten und war 1996 kurzzeitig Premierminister. Nach dem Einmarsch der Taliban ging er nach Iran, wurde im Februar 2002 auf Drängen der neuen afghanischen Interimsregierung jedoch ausgewiesen. Illegal nach Afghanistan zurückgekehrt, vermutlich in die unzugängliche Bergprovinz Kunar an der Grenze zu Pakistan, suchte er den Schulterschluss mit Resten der Taliban und rief per Videokassette bereits mehrfach auf, mit den USA und ihre Marionetten in Kabul so zu verfahren wie mit den Sowjets, die 1986 wegen immer neuer Überfälle und Terroranschläge entnervt den Rückzug einleiteten.

Hekmatyar wird zudem als Drahtzieher mehrerer Bombenanschläge verdächtigt. Er gehört inzwischen zu den 20 von Washington meistgesuchten Männern weltweit. Mindestens zweimal versuchten CIA-Spezialkommandos, ihn mit Hilfe einer unbemannten Drohne zu töten. Weil Hekmatyar extrem vorsichtig ist, sich von Doppelgängern vertreten lässt und seine verschiedenen Fahrzeugkolonnen stets unterschiedliche Richtungen einschlagen, entging er den Anschlägen bislang jedoch.

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