Politik : Ein bedeutender Abschied (Kommentar)

Christoph von Marschall

Wenn Schwergewichte stürzen, zittert die Erde. Deutschland durchlebt dies gerade beim Casus Kohl. John Kornblum stürzt nicht, der US-Botschafter verlässt Berlin nur etwas früher als erwartet. Ein Schwergewicht ist auch er, und so darf sich niemand wundern, wenn der Boden der Spekulationen vibriert: zumal nach dem Streit um den Neubau der US-Botschaft neben dem Brandenburger Tor um das Ausmaß der Sicherheitsabstände und das amerikanische Begehren, dafür Straßen zu verlegen.

Drei Jahre Amtszeit sind in der US-Diplomatie eher normal als erklärungsbedürftig kurz. Drei Jahre wird Kornblum im Sommer 2000 Botschafter sein. Diesem Hinweis der US-Vertretung lässt sich wenig entgegenhalten - allenfalls, dass es riskant ist, Botschafter kurz vor einer Präsidenten- und Kongresswahl abzuberufen; die Anhörungs- und Bestätigungsrituale sind kompliziert; weil niemand den neuen Amtsträgern gerne vorgreift, könnte das dazu führen, dass der Nachfolger erst 2001 eintrifft. Doch dies träfe Deutschland nicht allein; mehrere US-Botschafter würden im kommenden Sommer abgelöst. Das State Department betont, das Weiße Haus werde rechtzeitig einen Nachfolger präsentieren. Unsicher sei allein der Verlauf der Anhörung im Kongress.

Nach Deutschland schicken die USA traditionell ihre besten Leute. Viele haben den Posten als Sprungbrett für die Karriere genutzt - wie Richard Holbrooke, dessen Assistent Kornblum beim Krisenmanagement in Bosnien war. Kornblum passt in diese Tradition, wurde als Idealbesetzung gelobt, als er 1997 kam. Die Kehrseite politischen Schwergewichts ist mitunter ein selbstgewisses Auftreten. Kornblum hat viel für die deutsch-amerikanischen Beziehungen getan, aber man tut ihm nicht Unrecht mit der Feststellung, dass er sich Spitznamen wie "Vizekönig" und freundlichen Spott über einen Hauch von Besatzungsmacht redlich erarbeitet hat.

Den Streit um die Botschaft haben Kornblum und sein Berliner Gegenüber Eberhard Diepgen in eine Sackgasse geführt. Als das Auswärtige Amt die Sache an sich zog, um neuen Spielraum zu schaffen, wurde bald gefragt, wann auch die USA einen neuen Gesprächspartner benennen. Amerika würde allen Spekulationen den Boden entziehen, wenn es sicherstellt, dass ein neues Schwergewicht bereit steht, wenn Kornblum geht.

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