Politik : Ein Bild des Schreckens

Zur Diskussion über Berlins Zeitungen

Giovanni di Lorenzo

Das Offensichtliche zuerst: Natürlich ist der Autor dieser Zeilen befangen. Er war fünfeinhalb Jahre lang Chefredakteur des Tagesspiegels und hat sich in dieser Zeit den Zusammenschluss von Tagesspiegel und „Berliner Zeitung“ auf Verlagsebene gewünscht. Er ist heute dieser Zeitung als Herausgeber verbunden. Aber befangen sind ohnehin die meisten, die sich in diesen Tagen zum geplanten Verkauf der „Berliner Zeitung“ an eine Investorengruppe äußern. Die Autoren, die sich in den überregionalen Blättern zu Wort gemeldet haben, sind zum Teil ehemalige Redakteure der „Berliner Zeitung“, und die Kollegen, die im Berliner Verlag um ihre Zukunft bangen und mit bislang ungekannter Heftigkeit auf sich aufmerksam machen, können gar nicht anders, als parteiisch zu sein.

Und trotzdem droht in dieser aufgeheizten Lage noch mehr kaputtzugehen, als die Kollegen von „Berliner Zeitung“ und „Berliner Kurier“ jetzt schon befürchten. Zum Beispiel die Solidarität unter Journalisten, die unverbrüchlich sein sollte, wenn die Freiheit der Information durch zensorische Maßnahmen oder durch wirtschaftliche Kujonierung, sprich: durch rabiate Sparmaßnahmen bedroht ist.

Nun wird aber der verheerende Eindruck erweckt, als stelle sich beim Tagesspiegel Erleichterung ein, weil man sich auf Kosten der „Berliner Zeitung“ behauptet habe. Sogar die absurde Verdächtigung wird abgedruckt, die Verlagsgruppe Georg von Holtzbrinck trenne sich von der „Berliner Zeitung“ deswegen, weil es sich um ein Ostblatt handele – als sei in der Vergangenheit der Tagesspiegel nicht zum Verkauf angeboten worden und als habe es auch die größtanzunehmende Drohung nicht gegeben, das Blatt bei neuen hohen Verlusten sogar einzustellen.

Das alles ist auch deswegen so unfair, weil die Nöte der Journalisten und Verlagsmitarbeiter in der Zeitungsstadt Berlin mit der großen Konkurrenz, aber der viel zu kleinen Kaufkraft in etwa die gleichen sein dürften, und weil im direkten Vergleich kaum auszumachen ist, wer es bisher schwerer gehabt hat: der Tagesspiegel mit seinen Verlusten, die aber von Jahr zu Jahr weniger geworden sind. Oder die „Berliner Zeitung“ mit ihrer erheblichen Auflagenerosion, die erst in letzter Zeit zum Stillstand kommt. Beide Mannschaften haben sich bravourös geschlagen und sind aus der deutschen Zeitungslandschaft nicht wegzudenken.

Das Zweite, was in diesen Tagen Gefahr läuft, verdunkelt zu werden, ist der Zusammenhang zwischen Ursache und Wirkung. Man kann die Verantwortlichen bei Holtzbrinck mit Fug und Recht fragen, was sie mit ihrem von Beginn an risikoreichen Kauf des Berliner Verlags am Ende erreicht haben, außer zwei ohnehin geprüfte Zeitungshäuser abwechselnd zu verunsichern und zu ängstigen. Aber man kann ihnen nicht unterstellen, sie hätten in den drei Jahren nach dem Kauf des Berliner Verlags nicht alles versucht, um in Besitz der beiden Zeitungen in Berlin zu kommen, für deren unabhängigen redaktionellen Bestand sie sich über einen Zeitraum von 20 Jahren verbürgen wollten. Das Scheitern dieses Kaufs verrät im Kern einiges über die in vielen Bereichen immer noch auffällige Unbeweglichkeit des Standorts Deutschland.

Zunächst prallte das Vorhaben am Kartellamt ab, das bei der Beurteilung des Berliner Marktes völlig veraltete Maßstäbe heranzog. Es verwehrte Holtzbrinck die Übernahme, obgleich der Axel-Springer-Verlag größte Medienmacht in Berlin geblieben wäre. Dann schwand die Perspektive auf eine Ministererlaubnis, mit der Wirtschaftsminister Wolfgang Clement das Kartellamt hätte überstimmen können. Schließlich scheiterte der Vorstoß, ein neues Pressefusionsgesetz zu schaffen, das zumindest die Kooperationsmöglichkeiten von Verlagshäusern erheblich gesteigert hätte, an Lobbyisten aller Art und ganz zuletzt am Bundesrat.

Die größte Verzeichnung der Realität findet aber statt, wenn hinter dem Feindbild ausländischer Investoren als Heuschrecken alle anderen Fehlentwicklungen in der deutschen Medienlandschaft ignoriert werden und den angeblich guten deutschen Verlegern die bösen Ausländer entgegengestellt werden. Vergessen sind offenbar die rabiaten Kürzungen von Redaktionsbudgets in den vergangenen Jahren, die Kündigungen, das Outsourcing redaktioneller Leistungen, die Aushöhlung von Qualität bei Regional- und Lokalzeitungen, die Vermischung von Geschäftsinteressen und journalistischen Inhalten und ganz und gar der massive Renditedruck. Vieles davon war dem Anzeigeneinbruch geschuldet, der im Jahr 2001 eingesetzt hat. Aber etliche deutsche Verleger haben dabei ein erschreckend lockeres Verhältnis zum Qualitätsjournalismus offenbart – auch solche, die jetzt als vermeintliche Retter in der Not gehandelt werden. Gerade wurde bekannt, dass bei der „Schweriner Volkszeitung“ 100 Mitarbeiter entlassen werden sollen, darunter auch Redakteure. Das Blatt gehört dem Schleswig-Holsteinischen Zeitungsverlag, der es erst im Frühjahr dieses Jahres von Hubert Burda Media gekauft hat.

Die Kollegen im Berliner Verlag haben jedes Recht, sich gegen einen Angriff auf ihre Unabhängigkeit oder gegen die Minderung der Qualität ihrer Zeitung zu wehren. Sie sollten darin auch die Unterstützung aller anderen Zeitungen erfahren. Nur ist dieser Fall bislang nicht eingetreten. Und man fragt sich, welches Interesse selbst der in Großbritannien berüchtigte Anführer der Investorengruppe, David Montgomery, daran haben könnte. Warum sollte diese Art von Unternehmern einen Verlag kaufen wollen, um ihn herunterzuwirtschaften? Das träte aber mit Sicherheit ein, wenn man ihn publizistisch schwächte. Vielleicht ist dem Berliner Verlag auf lange Sicht mehr geholfen, wenn die Alarmsirenen erst dann besonders laut aufgedreht werden, wenn die Gefahr da ist – und nicht nur ein Schreckensbild.

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